Tonight: Töttchen

Da habe ich 15 Jahre im Münsterland gelebt, ohne ein einziges mal Töttchen gegessen zu haben. Erst auf einem Weihnachtsessen vor einigen Jahren wagten wir uns an eine Bestellung in einem traditionellen Münsteraner „Essen wie bei Omma“ Restaurant.
„Seid ihr sicher?“ fragte uns damals der Kellner.
Waren wir. Obwohl uns diese Nachfrage schon etwas verunsicherte. Aber vielleicht war der Keller einfach nur überrascht, dass da 15 Mädels saßen, die Töttchen, Sauerbraten (vom Rind, wer im Münsterland Pferde isst, wird wahrscheinlich geteert, gefedert und anschließend an der Lambertikirche aufgehängt), saures Zwiebelfleisch und ne Menge Obstler bestellten (und nicht wie vielleicht üblich einen kleinen gemischten Salat und eine Weißweinschorle).
Kurz und gut. Das war lecker. Auch wenn es wirklich und wahrhaftig aussah wie Erbrochenes.
Das musste ich also auch Zuhause testen. Ich importierte also zwei Portionen, die meine Mutter bei einem lokalen Metzger bezog. Die Verpackung war leider nicht beschriftet, der Metzger hatte lediglich ein Stück in Folie verschweißt, daher habe ich bis heute keinen Schimmer, was wir da nun aßen. Allerdings war das ja nun damals im Restaurant genauso.
Töttchen besteht klassisch aus diversen Innereien, vor allem Lunge oder auch einem Kalbskopf, früher inklusive Hirn. Letzteres kann man heute ausschließen. Zum Glück, denn bei Hirn hört sogar bei mir der Spaß auf. Inzwischen gibt es wohl auch zahlreiche Zubereitungen, bei denen lediglich Kalbs- und Rindfleisch verwendet wird. Klein gehäckselt sieht man die Inhaltsstoffe ohnehin nicht mehr. Und ehrlicherweise bin ich mir auch nicht sicher, was der Fleischhändler hier so in meine Bratwurst rührt. Also muss man vielleicht auch einfach mal entspannt und unvoreingenommen an so eine Speise herangehen.

Wie dem auch sei. Der Klotz gefrorenen Erbrochenes hatte sich über Nacht in eine geleeartige Masse verwandelt und war nun breit für die Pfanne. Ein wenig erinnerte es an Katzenfutter, also ein Katzenfutter der gehobenen Art, bei dem man noch Fleischfasern erkennen konnte. Nach einer Weile in der Pfanne wurde das Gelee zu Brei, das kannten wir ja bereits von anderen Experimenten.
Auf dem Teller kombinierten wir es (wie sich das laut Internet und Münsteraner Gastronomie gehört) mit Graubrot und Gürkchen. Ein Schuss Worcestersauce kann auch nicht schaden.
Geschmacklich unterschied es sich doch deutlich von meinem ersten Töttchen Experiment. Hier wird wieder deutlich, dass es sich eben um ein Handwerksprodukt handelt, das bei jedem Metzger anders schmeckt. Es ist eben kein Mc Donalds Cheeseburger, der in Kiel genauso schmeckt wie in Passau.
Durch die Einkocherei mit Zwiebel und Essig hat es eine säuerliche Note, die für unseren Geschmack bei dieser Version ein wenig zu penetrant anmutete (insbesondere in Kombination mit der Optik).
„Gewöhnungsbedürftig“, „nicht schlecht“ und „muss ich jetzt nicht täglich haben“ – aus diesen drei Zitaten lässt sich vielleicht ein Fazit ableiten.
Wenn ich aber das nächste Mal in der Heimat bin, teste ich sicherlich noch eine zweite Variante. Von einem anderen Metzger. Oder in einer Gaststätte. Und dazu gibt es dann nicht nur Graubrot und Gürkchen, sondern vielleicht auch wieder ein, zwei Obstler.

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Leberbrot. Ganz ohne Brot.

Der Herbst ist da. Dabei war er eigentlich kaum weg. und schon kullern einem wieder überall Kürbisse vor die Füße. Aber man passt sich ja den Gegebenheiten an und hört auf, Gazpacho und Grillwurst zu essen und widmet sich mal wieder Speisen aus der Kategorie „Igitt, wie sieht das denn aus? Da sind bestimmt Innereien drin, oder?“.

Richtig. In unserem heutigen Gericht waren Innereien enthalten. Jedoch nur gewöhnliche Leber. Das ist ja ein Allerweltsorgan. Ich meine, wer isst nicht gerne ein feines Bütterken mit Leberwurscht? Wir ließen heute das Brot weg- man soll ja auch nicht soviel Gluten essen- und aßen eine westfälische Spezialität aus dem Münsterland: das Leberbrot. Dies schlummerte nämlich seit Ostern in meiner Tiefkühltruhe (neben dem Quastenflosser, den ich auch dringend mal essen muss) und wurde gestern glücklicherweise von mir aufgetaut. Erstmal sieht es aus wie eine große Mortadella oder Jagdwurst am Stück. Man schneidet sie in Scheiben und brät sie in der Pfanne an. Es riecht wie Wurstebrei, das ist ja per se schonmal nicht falsch. Es bleibt auch in der Form und sieht aus wie ein veganes Schnitzel. Eins aus Fleisch und Leber halt.

Karoffeln dazu. Rote Bete, Saure Gurke und/oder gebratene Apfelscheiben ebenfalls. Gut. Würde ich nochmal essen. Geschmacklich nah am Wurstebrei, quasi ein Wurstebrei-Patty. Vielleicht friere ich mir nach meiner nächsten Reise in die Heimat mal wieder was ein. Für nächstes Jahr. Erstmal kommt er ein paar Monate in die Tiefkühltruhe, ich glaube, dann ist er erst richtig gut.IMG_20171007_145656.jpg

Labskaus- „das ist mit Fisch, oder?“

Labskaus

Naja. Ja. Und nein. Nicht unbedingt. Es sei denn, man zählt den Rollmops mit, den man wahlweise anbei isst. Ansonsten hat Labskaus nicht zwingend mit Fisch zu tun. Warum sich das Gerücht so hartnäckig hält, weiß ich nicht. Vielleicht, weil es optisch an Heringssalat erinnert. Vielleicht, weil es im Norden, vor allem an der Küste beheimatet ist.
Es ist jedenfalls fischlos. Zumindest die deutsche Variante. Auch hier scheint es aber nach meinen Recherchen wieder zig Variationen zu geben. Labskaus ist im Gegensatz zu den meisten anderen Gerichten, die aussehen wie schonmal gesessen, auch eines, bei dem man noch selbst kocht und nicht nur Fertiges erwärmt.
Bisher habe ich Labskaus immer nur kochen lassen, habe aber mitbekommen, dass man zunächst Corned Beef anbrät. Sobald ebendieses nicht mehr nach Katzenfutter riecht, verrührt man es mit mikroskopisch klein gewürfelter Roter Bete und saurer Gurke, schüttet etwas von den jeweiligen Einlegsäften hinzu und vermischt es dann mit parallel hergestellten Stampfkartoffeln. Im Prinzip.
(Die Dänen möllern wohl auch noch einen Hering mit rein, da kommt dann der Fisch ins Spiel, auf den man aber durchaus auch verzichten kann, wenn man will. Aber in Zeiten, in denen man sich Garnelen aufs Steak legt, sollte man auch nicht das Gesicht verziehen, wenn man Hering und Corned Beef kombiniert.)
Labskaus ist wirklich ein sehr leckeres Essen, das man unbedingt mal testen sollte. Am besten bestellt man es mal beim nächsten Urlaub an der See. Aber auch im wasserarmen Bielefeld ist es sehr leicht herzustellen (und auf jeden Fall besser als die Konserve, die ich nach einem Wangerooge Trip mitbrachte. Die spart einem eigentlich nur das Kartoffelkochen.) Ich weiß gar nicht, wieso ich meine ersten 30+ Jahre ohne Labskaus verbringen musste.
Das Schwierigste an der Herstellung ist das anschließende Braten der Spiegeleier, die zwingend dazu gehören. Die kommen hinterher nämlich oben drauf. Und daneben kommt Rote Bete und ein Gürkchen, welches man noch schön einschneiden und auffächern kann, wenn man was für Instagram haben will.

Achja, dann, wenn man will, kommt noch ein Rollmops dazu. Und vielleicht noch ein Jever. Oder zwei.

Wurstebrei („Das klingt ja schon ekelig“)

Beginnen wir mit dem Klassiker: mit dem Wurstebrei. Banausen nennen ihn auch Stippgrütze oder Grützwurst. Alle Varianten klingen jetzt nicht gerade einladend. „Getreidegrütze an Schweinsresten im Dialog an Innerei“ klingt aber auch nicht besser, das ist wohl das Schicksal des Gerichts: Haute cuisine wird das mit den Voraussetzungen schonmal nicht.
Wie auch immer man ihn nennen mag: es handelt sich nunmal um Fleischreste und Innereien, die mit Getreidegrütze verkocht werden. Das Endprodukt ist dann zunächst eine feste Masse in einer Wursthülle. In Scheiben geschnitten haut man diese nun in die Pfanne und lässt sie langsam weich werden. Sobald es breiig wird, kann theoretisch gegessen werden, wir lassen ihn immer gerne etwas anknuspern, dann ist er auch nicht mehr ganz so fettig.

Wurstebei essen ist schon etwas experimentell, da man nie genau weiß, welche Innereien der Metzger gerade übrig hatte. Im Normalfall schmeckt man keine speziell heraus; dann ist es ein sehr leckerer Wurstebrei. Wer so wie wir Leber mag, wird mit diesem leichten Beigeschmack auch kein Problem haben. Wir haben allerdings meine Küche auch schon einmal olfaktorisch in eine Bahnhofstoilette verwandelt, als wir ein Produkt erwischt hatten, bei dessen Herstellung wohl Nieren übrig waren. Viele Nieren. Falls das passiert: Bratet ihn zu Tode! Der Geruch weicht irgendwann und geschmacklich war auch dieser (zunächst als Zonk deklarierte) völlig genießbar.
Im Normalfall passieren solche Flops aber auch nicht. Im Zweifel tut es immer das Supermarktprodukt vom größeren Metzger aus der Region. Da hat man den Standard Wurstebrei, der wirklich verdammt lecker ist. Sehr würzig und auch nicht unappetitlich anmutend, auch wenn man die Konsistenz natürlich erstmal als solche akzeptieren muss.

Wurstebrei ist eine 1A Grundlage. Auf einschlägigen Fanseiten im www (ja, die gibt es) wird als Beilage „Pils und Korn“ empfohlen. Auf jeden Fall aber gehören Kartoffeln dazu, die man mit dem Fleischartigen ordentlich vermanschen kann. Als zweite Beilage dienen bei uns immer Gewürzgurke bzw. Rote Beete. Auf jeden Fall zwingend etwas säuerliches. Klingt komisch, is aber so. Für die Verdauung. Denn Wurstebrei ist bisher noch nicht in der Brigitte Diät erwähnt worden. Ein Jammer.

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Schonmal gegessen?

Es gibt wahrlich unappetitliche Gerichte. Dinge, die schlimm riechen zum Beispiel. Jeder, der schon einmal einen Appenzeller Käse über mehrere Tage im Kühlschrank zu liegen hatte, wird mir da beipflichten. Zudem gibt es Dinge, die eine etwas, naja, unappetitliche Entstehungsgeschichte haben. Lebensmittel, die erst schimmeln, fermentieren oder leicht verwesen müssen, damit sie richtig lecker werden. Und dann gibt es noch Gerichte, die einfach nicht schön aussehen. So eine hingeklatschte Erbsensuppe beispielsweise. Da kann man noch so viele Balsamicospiegelchen drumrum machen, es ist und bleibt eben eine Erbsensuppe.

Jetzt kann man auf diese ganzen hässlichen Nahrungsmittel natürlich verzichten, und sich statt dessen jeden Tag ein Stückchen Filet zubereiten. Oder Forelle Vierkant. Das sieht vernünftig aus und man weiß was drin ist (angeblich). Auf jeden Fall weiß man aber, dass man das Beste vom Tier auf dem Teller hat. Den Rest sollense mal ruhig ins Hundefutter rühren oder nach Afrika schicken. Da ist das Essen ja- so sagt man- knapp.

Nun habe ich ostwestfälische Vorfahren. Und Vorfahren, die den Krieg miterlebt haben. Von einem Schwein ist theoretisch alles essbar, abgesehen von Krallen und Borsten. Zur Not muss es eben tüchtig durchgemöllert werden. Und dann rührt man noch ein bisschen Grütze rein und dann wird das schon schmecken.

Tut es. Ich aß als Kind gerne Wurstebrei, wenn wir bei Omma im Raum Paderborn waren. Und ja, das sieht aus wie schonmal gegessen. Ein Armeleute-Essen wie aus dem Bilderbuch. Immer wenn wir die Verwandten besuchten, importierten wir uns Vorräte. Umso mehr freue ich mich darüber, dass meine Wahlheimat Bielefeld ebenfalls Wurstebreiregion ist.

Ich freute mich ebenfalls, in Schottland Haggis essen zu dürfen. Irgendwann probierte ich dann Labskaus und so nach und nach entwickelte sich ein traditionelles „Wir essen und probieren Sachen, die aussehen wie schonmal gegessen.“

Und irgendwann standen wir dann vor so einer Pfanne mit „Toter Oma“ und bedauerten, dass dieses wahrhaft leckere Essen nicht gerade instagramtauglich ist. Es besteht also durchaus die Gefahr, dass all diese Köstlichkeiten irgendwann in Vergessenheit geraten, weil man sie nicht mit Ruccola, Pinienkernen und Parmesamhobeln schick präsentiert bekommt.

Und weil es derer mehr gibt als man glaubt, werde ich in unregelmäßigen Abständen von unseren wagemutigen Experimenten berichten. Inklusive Zubereitungsempfehlung und geschmacklicher Bewertung. Wir haben schon viel getestet, aber ganz sicher noch lange nicht alles. Scheinbar hat jede Region da ihren eigenen Geheimtipp. Für Anregungen sind wir immer zu haben, einziges Kriterium ist, dass es eben aussieht, als hätte es jemand schon mindestens einmal gegessen. Die Zähne sollte man also im Glas lassen können.

Und Fotos gibt es trotzdem, ob ihr wollt oder nicht.
(Für diverse andere Lebensmitteltests empfehle ich übrigens Versuche von Miss James. Zudem danke ich Herrn G. für die Versuchsbegleitung und Überwachung.)

Misanthropiephobie

Man mag sie ja nicht mehr so recht lieb haben. Die Menschheit an sich. Mit dieser Spezies hat die Evolution echt mal einen Bock geschossen. Nicht zu Ende gedacht.
Auf solche Gedanken kann man schon hin und wieder mal kommen. Wenn man die Nachrichten guckt. Oder im Supermarkt gepellte Mandarinen in einer Plastikbox verkauft werden. Oder wenn einem wieder so ein Arschloch die Einfahrt zuparkt.

„Können Sie vielleicht noch ne Kasse aufmachen?“ nölt hinter mir ein Typ in meinem Alter. Vor mir sind zwei Kunden. (Okay, wird schon seine Gründe haben. Der hat’s bestimmt einfach eilig. Vielleicht hat er Durchfall und muss schnell neues Klopapier kaufen.) Er kauft eine Flasche Cola und ne Packung Paderborner Landbrot. Wohl doch kein Durchfall. Schade.

Leider kein Einzelfall, wenn ich Eduard Zimmermann zitieren darf.
Die zeternde Großfamilie in der Straßenbahn oder der Vollidiot, der sich beim Konzert direkt vor deine Nase stellt. Und sich dann einen Zylinder aufsetzt. Manche schließt man irgendwie nicht direkt ins Herz.
Hinzu kommt natürlich, dass man das aktuelle Weltgeschehen auch nicht gerade als clever durchdacht bezeichnen kann. Tiervideos bei YouTube sind dieser Tage doch irgendwie oft die bessere Abendunterhaltung als die tagesschau.
Und da ich ja (powered by google) leichte Hypochondrie mein Eigen nenne, fühle ich mich nun der Gefahr ausgesetzt, misanthropische Züge zu entwickeln. Nun ist ja ein Augenrollen hin und wieder noch keine Misanthropie nach DIN oder Pschyrembel, aber wer weiß, ob ich da nicht noch was ausbrüte.
Um dem entgegen zu wirken, sollte ich vielleicht mal Prävention betreiben. Sie sind ja gar nicht alle bescheuert.
In meinem Umfeld (sozusagen in der real life Filterblase) sind sowieso nur die Coolen. Jedenfalls keine, die anderen ungefragt an die Geschlechtsteile fassen oder sonstwie kopfschüttelnswert wären. Und sowohl die Frau an der Kasse als auch die beiden Kunden vor mir fanden den Typen genauso unangenehm wie ich. Einer grinste mich sogar an, als er mich beim Augenrollen erwischte. Dumm halt, dass man sich an die nicht mehr erinnert. Die Bekloppten bleiben länger im Gedächtnis. Auch da hat Mutter Natur irgendwo einen Bug eingebaut. Aber ich versuche jetzt einfach mal, ihr ein Schnippchen zu schlagen. Statistisch gesehen begegnen mir nämlich täglich mehr von den Coolen. An Tagen, an denen ich es drauf anlege, ist die Quote sogar beeindruckend hoch.
Da sollte die Gefahr, der Misanthropie anheim zu fallen schon mal geringer sein. Und wenn man ehrlich ist, war der Hermesbote auch nett, der am gestrigen Sonntag geklingelt hat, weil er ein Paket für den Nachbarn abgeben wollte. Und heute morgen in der Stadt hat mir jemand die Tür aufgehalten. Es haben mir mehrere Personen einen schönen Tag gewünscht und ein paar haben das vielleicht sogar auch ernst gemeint.

Vielleicht muss ich mir also doch keine Sorgen machen, bald Schopenhauers BFF zu werden.
Sind ja gar nicht alle bescheuert. Vielleicht bin ich ja sogar immun dagegen. Kann ja schließlich sein. Es kann aber auch sein, dass es an der Taranteldoku liegt, die ich eben geguckt habe.

Kommando: Entspannung!

„Entspannense sich mal“ gab mir kürzlich ein weiser Medizinmann auf den Weg. „Fahrense ans Meer oder legense sich innen Garten oder sowas.“

Hm. Entspannen. Das hat mir gerade noch gefehlt.
Ich, die bei den Abschluss-Stretching-Übungen beim Sport schon nervös auf die Uhr guckt.
Die sich beim Frisör jedes Mal fragt, warum die so lange an den Haaren rumwaschen müssen. Ich war wohl häufiger im Ausland als in einer Badewanne (und ich war nicht oft im Ausland). Der letzte Entspannungsversuch bestand aus der CD „autogenes Training“, hier muss man abwechselnd in irgendwelche Körperteile atmen, was mir nach 3,5 Minuten so auf die Nerven ging, dass ich so unentspannt war wie wohl niemals zuvor.

Jetzt hatte ich also den Salat. Aber wenn schon entspannen, dann wenigstens im Wasser. Also besuchte ich heute ein Salzwasserbad. Nein, falsch, eine Salzwasser-Thermenlandschaft. Mit Sauna und alles. „Entspannung pur“ ist deren Slogan. Na dann.

Nachdem ich mich an der Kasse entschieden hatte, ob ich mich 2 oder 3 Stunden oder den ganzen Tag entspannen wollte, fing ich mal mit dem Einfachsten an. Schwimmen. Das kann ich, da weiß man was man hat. Danach ging dann aber der Stress schon los: Supersolebad („genießen Sie die Schwerelosigkeit und die sanfte Unterwassermusik“, vor allem aber das Geschrei von Kindern mit Salzwasser im Auge), Warm- und Kaltwasserbecken, Dampfbad und diverses anderes Wellnessgebade. Und während man dann so schwerelos im Supersalzwasser liegt, kann man in aller Ruhe mal drüber nachdenken, was man noch alles so machen müsste. Unter anderem Klopapier kaufen. Bloß nicht vergessen. Nein, im Ernst. Es fallen einem schon nützliche Sachen ein, wenn man so entspannt.
Zum Beispiel, dass man das Licht am Auto nicht ausgemacht hat (nein, mein Auto piept nicht, wenn man es vergisst).
Nunja, raus aus dem Becken, Handtuch umwerfen, Schlüssel holen.
„Ähm, Entschuldigung, lassen Sie mich gleich wieder rein? Ich hab das Licht am Auto angelassen.“
„Ja, wollen Sie denn SO nach draußen?“
Was denkt die denn? Ich habe doch nur zwei Stunden Zeit um mich zu entspannen und wenn ich mich jetzt erst anziehe und mir die Haare trockne sind die zwei Stunden doch um! Ist eh schon alles ganz schön knapp mit der Entspannung, weil ich ja einen halbe Stunde mit Bahnenschwimmen verplempert habe und jetzt wird’s langsam ganz schon eng mit der Entspannungszeit!
Ich flipflopte also mit Handtuch zum Parkplatz (ja, man wird komisch angeguckt, sogar in Bad Salzuflen), machte das Licht aus („hoffentlich rechtzeitig“) und flipflopte zurück.

Jetzt aber entspannen. Dampfbad. Verweildauer 10-20min, so steht es an der Tür geschrieben. Und dann saß ich da.
Zehn Minuten können verdammt lang werden, wenn man so sitzt. Ohne was dabei. Acht hab ich geschafft. Schließlich musste ich auch noch Zeit für die Heiß/Kalt-Wechselbecken einplanen. Was ein Stress.
Kurz vor Ablauf der zwei Stunden dann unter der Dusche gemerkt, dass ich weder Shampoo noch Duschgel mit mir führte. Das lieh mir dann eine etwa 140jährige niedliche Omi mit dünnen Pommesbeinchen im Tierprintbadeanzug mit Tiffy Badekappe. (Erstaunlicherweise sind Rentner in Badebekleidung nicht beige, sondern das genaue Gegenteil, gibt es da schon Studien zu?)
Ich bilde mir ein, ein wenig nach Kölnisch Wasser zu riechen und meine Haare haben vielleicht auch einen leichten Stich ins Violett, aber das nur am Rande.

3 Minuten vor Ablauf der zwei Stunden passierte ich das Ausgangsdrehkreuz. Kurze Zeit später saß ich wieder in meinem Auto.
„Jetzt aber erstmal in Ruhe eine rauchen.“
Und so richtig tiefenentspannt war ich dann, als der Motor gleich beim ersten Versuch ansprang.

Hurra. Es hat funktioniert.

Gewinne! Gewinne! Gewinne!

Als ich vorhin nach einer Dienstreise wieder in Bielefeld ankam, führte mich mein erster Weg zum Geldautomaten. Meine Bargeldschaft hatte ich nämlich in Berlin in ein Fischbrötchen und Rixdorfer Fassbrause angelegt. Zurecht.
Der Automat schnatterte gefällig, ich steckte einen Fuchs in mein Geldtäschchen, welches ich in den Rucksack zur Fassbrause steckte.
Da ich auch heute mit schwerem Gepäck unterwegs war (zzgl. Rixdorfer Fassbrause), und zudem die Treppe am Bahnhofs- Boulevard von einem blinden Schimpansen mit einem kaputten Geodreick ingenieurt worden ist und sicherlich ursächlich für einige Hüftdysplasien verantwortlich ist, benutzte ich den Aufzug. So tat auch ein etwa 120 jähriger gepflegter, weißhaariger Mann mit Gehstock, dem ich freundlich den Vortritt ließ und auch für ihn auf den richtigen Knopf drückte, nachdem er zweimal auf die Klingel gepatscht hatte.

Während der Fahrt nach oben erzählte er mir, dass er soeben mit einem Rubbellos für 1,- einen Gewinn von 20.000,- eingestrichen hatte. Da er in gebrochenem Deutsch mit vielleicht polnischem Akzent sprach, fragte ich zweimal nach, ob ich das richtig verstanden hätte.
„Ja, wirklich! Ein Euro, Zwanzichtausend Euro! Ich hab Fotokopie von Los, die machen Überweisung auf Konto, musst ich da sagen alles!“
Dann klaubte er aus einer Brieftasche einen zusammen gefalteten Zettel, der schon etwas verwetzt aussah und hielt ihn mir aufgeregt in der Dunkelheit unter die Nase. Tatsache. 20.000 Euro. Der alte Kauz war offenbar doch ein Glückspilz.
„Ja, Mensch, Glückwunsch! Aber das dürfen Sie doch keinem erzählen! Da müssense schön die Klappe halten, sonst kommen doch alle und wollen was ab haben und dann isses ganz schnell weg!“- „Na und? Was ich soll damit? Will ich doch ausgeben!“
Hm, der tickt ja wie ich. Sympathisches Kerlchen, dachte ich. Scheinbar fand er das auch, denn vor Freude fiel er mir um den Hals und wollte mir Küsschen geben. Hier war mein Tanzabstand nun doch deutlich in Gefahr, worauf ich ihn freundlich aber bestimmt hinwies. Er beließ es dann bei einem Handkuss und fragte mich, ob ich nicht mit ihm feiern gehen wollte. Was ich ebenfalls verneinte. So langsam wurde mir der kleine weißhaarige Kauz nämlich ein bisschen zu kauzig, so dass ich mich schnell von ihm weg jovialte und ihm noch einen schönen Abend wünschte. „Nicht alles sofort verjubeln!“ gab ich ihm noch mit auf den Weg.

Kurz hinterm Zebrastreifen kontrollierte ich mein Gepäck.

Alles da. Portemonnaie, Rixdorfer, Armbanduhr. Nur das Fischbrötchen fehlte, aber das hatte ich etwa Höhe Hannover selbst gegessen, um meine Mitfahrer zu ärgern.

Komische Geschichte. Und je länger ich drüber nachdenke, desto komischer erscheint sie mir. Das Los, bzw die Kopie sah schon echt aus, war aber möglicherweise auch schon einmal im Feinwaschgang in der Miele gewesen. War das seine Masche, damit irgendwelche Menschen sich erbarmen und mit ihm ein Bier trinken gehen? Oder hätte er mir nach nem Gläschen Rotkäppchensekt seinen Stock über den Kopf gezogen? Hängen morgen Plakate in der Stadt mit dem Aufruf
A) „Serienmörder gesucht!“ B)“Hilfloser Rentner aus Pflegeheim vermisst!“ C)“Netter Senior spendet 20.000,- Die Bahnhofsmission sagt Danke!“?
Oder ist man inzwischen einfach völlig bekloppt geworden und wittert überall Gefahren? Hab ich zu viel aktenzeichen xy bei youtube geguckt? Oder zu oft die tagesschau?
Oder lehnt man sich einfach zurück, trinkt ne Rixdorfer Fassbrause und denkt sich, dass vielleicht der kleine Opi wirklich jetzt 20.000,- auf sein Konto überwiesen bekommt?
Ich glaube Letzteres.

Vitamin D

Letzten Sonntag trank ich meinen ersten Outdoor Kaffee im Garten einer Freundin. Es war der 1. Mai und es war warm. Also, nicht so heizungswarm, sondern richtig. Zweistellige Temperaturen. Ich trug Sonnenbrille und T-Shirt.
Auf dem Rückweg roch die Luft im Viertel nach Grillfleisch. Überall waren jut druppe Menschen ebenfalls mit Sonnenbrillen unterwegs. Ohne Ohrenwärmer und ohne Schal. In einem Gemeindezentrum fand irgendwas Afrikanisches statt. Mit Trommeln und bunter Bekleidung. Ein Ehepaar jenseits der 80 spazierte in beiger aber durchaus luftiger Kleidung Eis essend die Straße entlang.
Gestern setzte ich noch einen drauf: Das erste Outdoor Bier stand im Outlook. Halb vier Anstoß. Sicherheitshalber mal ne Jacke mitnehmen. Man weiß ja nie. Gefroren habe ich allerdings erst abends auf dem Sofa. Weil ich einen kleinen Sonnenbrand hatte. Nichts Ernstes. Vielleicht ein Sonnenbrändchen. Ich bin eben nicht so der südländische Typ.

Früher war mir Wetter immer ziemlich egal. Regen und Sturm fand ich zwar doof, aber solange ich nicht gerade eine Fahrradtour durch einen Weltuntergang machen musste, interessierte mich das eigentlich nicht weiter. War dann eben doof. Dieser gefühlte 8-monatige Winter hat das offenbar geändert. Auf jeden Fall stelle ich in den letzten Tagen etwas Merkwürdiges an mir fest: Gute Laune! (Huch)
Heute morgen brauchte ich keine Jacke und ich konnte die Fensterscheiben im Auto herunter kurbeln, ohne von Hagel oder Schnee getroffen zu werden. Die Vögel tschilpten und sogar die „Hu Huuu Hu“ tönende Taube, die seit einiger Zeit auf meiner Fensterbank rumwohnt, inspirierte mich heute ausnahmsweise nicht zu Luftgewehr- Szenen. Noch vor zwei Wochen haderte ich mit der Welt, wenn der Wassertank meiner Kaffeemaschine leer war. Heute nicht. Und gestern auch nicht. Und morgen hoffentlich auch nicht.
Nicht einmal die Tatsache, dass ich nach der Arbeit ein Paket am Arsch der Welt abholen musste, konnte mich verärgern. Auch nicht die Erkenntnis, dass am Arsch der Welt noch Mittagspause bis 15 Uhr herrscht und ich (natürlich) zu früh vor Ort war. Statt dessen ging ich in der Wartezeit federnden Schrittes zur Erdbeerbude um die Ecke.
Jetzt ist nämlich Sommer! So richtig!
Wenn ich in Chemie besser aufgepasst hätte, könnte ich euch jetzt vielleicht die Zusammenhänge besser erklären. Sicher ist, dass das Wetter wohl in meinen Synapsen mal ordentlich durchgefeudelt hat. Frühjahrsputz sozusagen. Und wo großreinegemacht wurde, ist wieder Platz für Serotonin und andere nützliche Dinge.
Und während die Kater alle Viere von sich gestreckt in Rückenlage meinen Küchentisch blockieren, gucke ich mir einen Strauß Tulpen an und esse Erdbeeren. Und lasse den lieben Gott ’n guten Mann sein.
Aber keine Angst. Sobald die Temperaturen über 25° steigen, bin ich wieder die Alte und schimpfe vor mich hin. Versprochen!
Und jetzt entschuldigt mich, ich muss jetzt kurz sehr laute Musik hören.

Fettlösekraft

Kennt ihr das, wenn euch irgendwer irgendwann den Floh ins Ohr setzt, sich noch einen Burger vom schottischen Schnellrestaurant zu holen? Den Gedanken an Cheeseburger bekommt ihr nicht mehr weg. Wie ein Ohrwurm. Zwischendurch ist er kurz leise, aber bei der nächsten Gelegenheit: Zack! Da bin ich wieder. Dein leckerer Burger mit dem Geschmack nach Kindheit. Das kann sich über Wochen ziehen. Bevor ich hier ins Detail gehe: Ihr wisst was ich meine. Es ist jetzt nicht so Mia Farrow mäßig, man steht ja nicht mit ’nem rohen Stück Fleisch an der Spüle. Aber man freut sich doch, wenn man am nächsten Morgen noch einen Jackentaschenwärmer in Form eines Cheeseburgers in der Garderobe vom Vorabend findet.

Vor einiger Zeit hatte ich diesen Hunger auf Hähnchenhaut. Ging nicht weg. Kam immer wieder. Hähnchen gegessen (mit Pommes natürlich). Thema durch.

Hat man mal. Geht wieder vorbei. Aber eben das war nicht immer so. Es ging nicht immer weg. Zumindest nicht lange. Und dann wird es eben schwierig. Und dann wird man auch natürlich irgendwann etwas ungehalten. Und unzufrieden. Und ungerecht. Und unleidlich. Und überhaupt insgesamt sehr viel „un“.
Keine Beherrschung. Eine unbequeme Schublade, in die man sich da setzt und von Innen selbst zu zieht.
Stimmt. Keine Beherrschung.
Wie die Leute, die rauchen, Bier trinken, oder besoffen ständig an Frauen oder Männern rumgraben müssen (oder beides). Wie diejenigen, die zu nah am Wasser gebaut sind, oder in Diskussionen gerne mal die Nerven verlieren. Wie diejenigen, die schon wieder an der Kruste am Knie geknibbelt haben oder schon wieder am Pickel rumdrücken mussten. Oder wie diejenigen, die schon wieder unbedingt gucken mussten, ob irgendwer irgendwann online war oder die Nachricht schon gelesen wurde. Wie derjenige, der das Handy des Partners kontrolliert, „weil es da gerade ganz prominent lag und dann was ganz zufällig was aufpoppte“. „Noch EINE Runde Candy Crush. Und danach noch eine Folge „Breaking Bad“. Genau.

Zusammenreißen. Ahja. Gut, mache ich.
Das erste Mal ungefähr vor zwanzig Jahren. Mal weniger Quatsch essen. Mal zusammenreißen. So eine Gurke ist ganz lecker. Auch ohne Salz. Und wenn man Wackelpudding mit Süßstoff anrührt, dann schmeckt der zwar nicht, sieht aber genauso lustig aus. Immerhin. „Und irgendwann kann man sich ja zur Belohnung mal was gönnen.“.

Das ist voll schlau. Ich höre auf zu rauchen, und belohne mich dafür mit einer neuen Schachtel Zigaretten. Mache ich jeden Morgen so. Ich werde den Verdacht nicht los, dass ich deshalb vielleicht auch einfach noch nicht damit aufgehört habe.
In Fachkreisen nennt man das Yoyo Effekt (und ja, unter Rauchern gibt es den auch, gut, dass ich noch nie ernsthaft aufgehört habe).

Man ist aber auch immer inkonsequent! Da hat man doch tatsächlich auf dem Geburtstag wie alle anderen Anwesenden auch diese furchtbar ungesunde Bratwurst gegessen. Mit Ketchup auch noch! Da isst man eine Woche Wackelpudding mit Süßstoff und dann hat man den Salat (ohne Dressing). Dann ist es jetzt eh egal. Das wird wohl scheinbar nix mehr. Aber ich nehme es mir vor. Fest. Andere schaffen das ja auch, sich von Wattebäuschen und Zitronensaft zu ernähren. Kleiner gemischter Salat ohne Öl. Fertig aus. Voll lecker. Motto: „Ich mag ja total gerne Gemüse aus dem Dampfgarer.“

Ja. Mag ich auch. Aber ich mag eben auch andere Dinge. Zum Beispiel Käse. Ich trinke auch gerne Milch und finde auch Brot ganz gut. Und das Allerschlimmste: Ich mag auch Fleisch, Schokolade und Kartoffelchips. Und Erdnussflips. Und Butter mit Meersalz. Wie eigentlich die meisten Menschen.

Lyrisch gesprochen, ernährte ich mich also die letzten Jahre von Wattebäuschen und Kartoffelchips. Im Wechsel. Weil dieses Belohnungszentrum im Gehirn verflixt nachtragend ist. Und ein viel besseres Gedächtnis hat als ich. Und meins hat dazu noch einen ziemlich fiesen Charakter. Spielt sich ständig in den Vordergrund und verhält sich ständig wie ne beleidigte Leberwurst (oh, Leberwurst. Gute Idee).

Immerhin kann man irgendwann in dem Zahlenbereich der empfohlenen Kalorienzufuhr ganz gut Kopfrechnen. Und ernährungsphysiologisch glänzt man irgendwann auch mit Fachwissen, wenn man jedes Enzym der internationalen Flora und Fauna hinsichtlich seiner Wirkung kennt. (An dieser Stelle auch nochmal herzlichen Dank an „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“).

„Wenn ich erstmal dünn bin, dann ist alles nicht mehr „un“, dann ist alles wieder richtig.“ (vgl. „If I was a rich girl„)

Das ist natürlich Quatsch. In diesem Fall ist die Frage, ob erst Huhn oder Ei zugegen waren, nämlich erstaunlich einfach zu beantworten: Es ist bereits alles gut. Somit kann ich eigentlich auch getrost dünn werden. Ja, es ist am Ende so einfach. Genauso einfach wie es da steht. Der Weg dahin, nunja, der ist vielleicht nur so mittel. Muss man nicht dauernd haben. Aber man wächst ja an seinen Aufgaben. Auch wenn man mir das nicht so ansieht. Ich wachse mehr unauffällig. Nach Innen.

Aber ich schweife ab. Dem ein oder anderen aus meinem persönlichen Umfeld wird sicherlich nicht entgangen sein, dass ich mich in den letzten Monaten etwas verschmälert habe. Oder es geht euch auch wie mir und ihr merkt sowas erst, wenn ihr mit der Nase drauf gestoßen werdet wie jetzt. Mir fällt nämlich auch nicht auf, ob euer Haar immer schütterer wird, oder ihr gerade vom Naserichten kommt. Nicht, weil ich ignorant bin, sondern weil ich auf sowas tatsächlich einfach in den meisten Fällen nicht achte. Dafür merke ich aber meistens, ob ihr gute oder schlechte Laune habt. Ist ja auch hin und wieder von Vorteil.

Nunja. Mir ist es auf jeden Fall irgendwann aufgefallen. Irgendwie war irgendwas anders. Eines Abends bemerkte ich, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, und ich es nicht einmal gemerkt hatte. Obwohl ich einen ganz normalen Tagesablauf hinter mir hatte. Ich stand nicht an irgendeinem Bierstand oder vor einer Festivalbühne. Ich saß an keinem Strand, befand mich in keiner abenteuerlichen Liebesbeziehung, in der man sich gegenseitig in Ketten legte; und um mein Leben musste ich auch an diesem Tag mal wieder zum Glück keine Angst haben. Keine Geiselnahme. Kein Erdbeben. Alles wie immer. Aber irgendwie eben doch nicht.

Die Tatsache, nichts gegessen zu haben, war jetzt gar nicht mal was Besonderes. Das passierte schonmal. Wenn ich unterwegs war. Wenn ich es mir vorgenommen hatte (Wattebauschzeit!). Wenn ich nix Passendes da hatte.

Dass ich nicht dran gedacht habe, DAS war neu. Und dann fiel mir auf, dass ich auch die vergangenen Tage irgendwie verhältnismäßig asketisch gelebt hatte.

Hm. Nanu.

Ich bin einfach morgens aufgestanden, habe irgendwas gemacht, was ich auch sonst immer machte. Wahrscheinlich bin ich einfach ins Büro gefahren, habe mit ein paar Leuten gesprochen, mit anderen sonstwie kommuniziert und so vor mich hingeatmet. Ich habe mir die Haare gekämmt und die Schuhe zugebunden. Wie man das so macht. Bestimmt habe ich ein paar Emails geschrieben. Vielleicht habe ich auch mal was Lustiges gesagt. Oder was Intelligentes. Oder was total Bescheuertes. Ich will nicht ausschließen, dass ich mir sogar eine Hose angezogen habe. Und frische Socken.

Und dann knurrte mir irgendwann abends der Magen. Wie der eben so knurrt wenn man hungrig ist. Irgendwas werde ich wohl gegessen haben. Irgendwas, worauf ich gerade Lust hatte. Und was gerade da war.

So einfach war das.

Unspektakulär. Kein viel heraufbeschworener „Klick“ im Kopf. Kein Trainingsprogramm mit Detlef D! Soost (welches Recht der überhaupt hat, einen „sexy“ machen zu können, erschließt sich mir übrigens auch nicht). Keinen Abnehmblog zur Selbstanfeuerung. Keine App. Keine Facebook Challenge. Keine Kur, nix mit Dinkel. Keine Vorsätze. Ja, nichtmal einen Hashtag! Einfach ein ganz normaler Tag. Auf den einfach noch mehr ganz normale Tage folgten. So wie heute.
Man kann nicht wie beim Rauchen einfach für Immer aufhören zu essen (zum Glück!) Aber man kann vielleicht aufhören, sich damit für irgendetwas zu belohnen. Oder zu entschädigen.
Und gerade fällt mir ein, dass ich noch Eis im Kühlfach habe. Das hatte ich total vergessen.