Ameisenstraßen

Vor einiger Zeit sah ich während einer schlaflosen Nacht eine Dokumentation über einen Stauforscher. Um diesem (mir vollkommen unerklärlichen) Phänomen des Staus auf den Grund zu gehen, untersuchte dieser Herr Ameisenstraßen. Seit vielen Jahren. Jahrzehnten. Und sein Ergebnis war: Auf Ameisenstraßen kommt es niemals zu Staus, weil alle das gleiche Ziel haben.

Nun gut. Im Straßenverkehr haben sicher alle ein anderes Ziel: Der nächste Mc Donald‘s, pünktlich ins Büro, schnell zu Freund/Freundin/Frau/Mann/Geliebte/Geliebter oder der erste an der Hotelrezeption sein. Trotzdem haben ja –zumindest auf Autobahnen- alle zunächst mal das Ziel: Geradeaus.  Aber so gut wie Ameisen schaffen wir es nicht. Vor allem die deutschen Autobahnen haben nichts mit einer Ameisenstraße gemeinsam.

Dass Ameisen die besseren Menschen sind, erlebt man aber nicht nur auf Autobahnen. Gestern war ich mal wieder auf einem Flohmarkt. Und mit mir noch viele andere. Ich habe nichts gegen Menschenmengen, ich reagiere nicht panisch auf bevölkerte Plätze. ABER: Menschen sind manchmal doch sehr unerträglich. Weil sie überall die ersten sein müssen. Weil sie sich permanent benachteiligt fühlen. Und weil sie in jedem einen Feind sehen.

So passiert es, dass sich Mütter mit Zwillingskinderwagen eine Schneise in die Menschenmenge schneiden, Ellbogen eingesetzt werden und hektische 90° Richtungswechsel vorgenommen werden, um wirklich überall der erste zu sein.

Wenn die Straßenbahn hält, lässt man auf keinen Fall erst die ankommenden Fahrgäste aussteigen. Die Rolltreppe wird versperrt, damit man bloß nicht überholt werden kann (rechts stehen, links gehen funktioniert genauso gut wie das Reißverschlussprinzip: gar nicht).

Schweißgebadet stehen wir an der Supermarktkasse, wenn die alte Dame vor uns vergessen hat, ihre zwei Bananen abzuwiegen. Wieder 20 Sekunden vergeudete Lebenszeit.

Ständig scheinen die grauen Herren aus Michael Endes Momo hinter uns zu stehen. Keine Zeit verlieren, vor allem nicht zugunsten anderer Menschen. „Darf ich vor? Ich hab nur zwei Teile.“

Meine Oma sagte früher immer: „Wir haben im Krieg lange genug in der Schlange gestanden, jetzt will ich das nicht mehr!“. Okay. Argument. Aber wie viele Flohmarktbesucher, Straßenverkehrsteilnehmer, Rolltreppensteher, Straßenbahnfahrer und Supermarktbesucher können dieses Argument heute noch vorbringen?

Macht ruhig so weiter: Setzt alles ein was ihr habt: Lichthupe, Ellbogen, Kinderwagen, Tritte. Ihr seid sicher die ersten am Ziel. Die grauen Herren freuen sich auf euren ersten Herzinfarkt.

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Gedächtnisprotokoll einer elterlichen Elektronik- Serviceleistung

Im Haus meiner Eltern gibt es drei Wohnzimmer. Wohnzimmer 1 ist das ursprüngliche, originale, schon immer da gewesene Wohnzimmer. Wohnzimmer 2 ist der ehemalige Spiel- und Partykeller und Wohnzimmer 3 ist mein altes Kinderzimmer. In jedem dieser Wohnzimmer befindet sich ein Fernseher-sogar jeweils Flachbildschirme.

Nun haben meine Eltern (wie die meisten) nur jeweils einen Hintern und ein Augenpaar; und selbst summiert schaffen sie es nicht, alle Fernseher gleichzeitig zu benutzen.

Zudem befinden sich noch DVD bzw. Videogeräte im elterlichen Domizil. Wohnzimmer 3 beherbergt einen Videorecorder, der jedoch nur noch abspielt und nicht mehr aufnimmt. In Wohnzimmer 2 befindet sich ein DVD Recorder und in Wohnzimmer 1, also DEM Wohnzimmer steht ein alter DVD Player, der gar nichts mehr macht. Zu deutsch: Er ist kaputt. Dies ist besonders ärgerlich, da ja nun Wohnzimmer 1 das am häufgsten frequentierte ist.

Da mein Vater seit einiger Zeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in irgendwelchen spinnenverwebten Ecken hinter Fernsehern rumkriechen kann, bat mich meine Mutter (die so gerade eben weiß, wie ein Fernseher angestellt wird), das ganze Geraffel umzubauen. Als ich dies nun kürzlich tat, ereignete sich folgender Trialog, den ich nun versuche, möglichst wahrheitsgetreu wieder zu geben:

Vater mit Lesebrille auf dem Sofa sitzend: Brauchst du nicht die Bedienungsanleitung?

Ich unter dem TV Möbel liegend: Nö, ich muss ja nur die Kabel umstecken.

Vater: Ja, aber das ist doch jetzt n Recorder, da musst du doch gucken, dass du den Receiver noch angeschlossen kriegst.

Ich: Ja, das seh ich ja dann. Seit wann benutzt DU denn Bedienungsanleitungen??

Vater: Tu ich nicht. Aber du brauchst eine.

Ich: Soso…

Mutter: Pass auf da mit dem Strom!

Ich: Was für Strom?

Mutter: Na, die Kabel da!

Ich: Das ist ein Scart Kabel!

Mutter: Na und? Ist da etwa kein Strom drin?

Ich: Doch, aber…

Mutter: Soll ich nicht die Sicherungen abstellen?

Ich: Nein!! Dann sehe ich ja nicht, obs richtig angeschlossen ist!

Mutter: Schmeiß mir nicht meine Vase da um.

Ich: Nein nein… Vatter, hast du noch ein Antennenkabel?

Vater: Wozu brauchst du das denn?

Ich: Na, um den Receiver anzuschließen. Sonst könnt ihr ja nichts aufnehmen!

Vater: War da doch vorher auch nicht dran. Ich hol mal die Bedienungsanleitung!

Mutter: Rak da nicht so rum, sonst reißt du alle Kabel raus und dann haben wir wieder tagelang kein Fernsehen!

Ich: Was ist jetzt mit dem Antennenkabel?

Ich drehe mich um, aber mein Vater ist verschwunden. Zwanzig Sekunden später steht er mit einer Bedienungsanleitung hinter mir.

Ich: Wo haste die denn jetzt so schnell her?

Vater: Na, ausm Keller. War in dem Ordner, in den sie gehört.

Ich fasziniert, wie man in weniger als 5 Stunden eine Bedienungsanleitung finden kann: Soso…

Mutter: Klemm da bloß nichts falsch an, dass nachher gar nichts mehr geht! Kann ich vielleicht was helfen?

Ich: Sicher nicht!

Vater: Doch! Kannst uns hier mal in Ruhe lassen!

Uns??

Ich: Ich brauche ein Antennenkabel!!!

Mutter: Das weiß ich doch nicht, wie das aussieht.

Ich: Du warst auch nicht gemeint. Vatter, hast du jetzt BITTE ein Antennenkabel? Sooo gemütlich ist es hier unten nicht.

Vater: Klar habe ich ein Antennenkabel. Was denkst du denn?

Er erklärt mir die genauen Koordinaten, ich krabble aus der TV Ecke und hole das Kabel. Nach kurzer Zeit ist alles angeschlossen.

Mutter: Ach, wie? Läuft schon?

Vater: Jetzt erklär mal deiner Mutter, wie das alles so funktioniert. Muss sie ja auch wissen.

Ich zeige meiner Mutter die Basisfunktionen auf der Fernbedienung. Ihr Gesichtsausdruck gleicht meinem, als mein Vater einst versuchte, mir die binomischen Formeln näher zu bringen.

Ich: … so, und wenn du aufnehmen willst, dann musst du…

Mutter: Aufnehmen??? Was sollen wir denn aufnehmen?? Das brauchst du mir gar nicht erst erklären, das brauchen wir sowieso nicht!

So sind sie. Meine Eltern.Aber es ist gut, dass sie so sind, wie sie sind!

Etwa eine halbe Stunde später bekam meine Mutter auch noch ihre Genugtuung, als ich sie reumütig fragen musste, wie man ihre Spülmaschine anstellt.

Ich möchte das nicht!

Ein Brötchenfoto.

Ein in epischer Breite beschriebener Windelinhalt.

Jagd auf einen legendären weißen Bulli.

Das ist Facebook.

„I’m at Facharzt für Geschlechtskrankheiten“

Interessante Chats über Software Updates und Massenkaffeetrinkverabredungen

Nacherzählungen diverser TV Formate.

Welcome to Twitter!

Ja, ich gebe es zu: Auch ich fröne von Zeit zu Zeit diesen Verstößen gegen die Etikette sozialer Netzwerke. Auch meine Timeline enthält Replies, in meiner Facebook Chronik findet sich auch sicherlich ein Burger Foto. Ich bin froh, dass meine Mama internetphob ist, und somit keinen Einblick in meine Kneipen Checkins hat. Ja, niemand ist unfehlbar.

ABER: Es ist scheiße, es nervt und es ist sinnfrei. Ich will nicht jedes Krabbenbrötchen sehen, was in einem dreiwöchigen Nordseeurlaub gegessen wird. Ich will auch nicht wissen in welchem Supermarkt ihr gerade an der Kasse steht. Und wenn ich Dialogen folgen möchte, dann lausche ich immer noch gerne heimlich am Nachbartisch!

Es hat außerdem einen Grund, wieso mir  Hör auf damit, wir müssen jetzt seriös wirken, Schöne Texte, Sag’s mit Bildern und ähnliche Seiten Scheiße nicht gefallen und ich möchte nicht jeden Beitrag in mehrfacher Wiederholung sehen. Früher bekam man wöchentliche PowerPoint Kettenbrief e-mails mit Mantras, die einen vor frühem schmerzhaftem Tode retten sollten (oder man selbst sollte andere arme Kinder, die mit einem Ohr an einem halbseitig gelähmten Elefanten festgewachsen waren, retten, weil Bill Gates für jede weitergeleitete e-mail einen Mettigel und eine Packung Wunderkerzen springen ließ); jetzt hat diese Seuche Facebook erreicht.

Ich möchte das nicht.

Ja, ich kann drüber weglesen. Ich kann es wegscrollen. Aber so ein Windelschissfoto brennt sich lange, sehr sehr lange ins Hirn ein. Ich könnte euch entfreunden, blocken, unfollowen, aber eigentlich finde ich euch ja doch ziemlich knorke (die meisten zumindest). Lasst euch doch mal was Besseres einfallen! Seid kreativ, wild und mutig: „xy just became major of Ausnüchterungszelle„, das wäre mal eine Meldung wert. Meinetwegen Puffbesuche, Fotos von euch direkt nach dem Aufstehen. Was Spektakuläres eben. Ihr habt schließlich auch kein Problem damit, Operationsnarben, Geburtswehen und psychische Erkrankungen aller Art zu veröffentlichen.

Der Datenschutz sollte uns google Kindern doch sowieso inzwischen auch offiziell am Arsch vorbei gehen. Müsste er uns. Aber wir haben ja doch diese Hintertürchenmentalität. Wenn der Chef uns abmahnt, weil man sich trotz gelbem Schein wegen Bandscheibenvorfall im Heide Park eingecheckt hat, ist das Geschrei ja dann doch wieder groß. Und dann diese Unverschämtheit, dass man Spam e-mails bekommt, nur weil man 534 Shops bei facebook liked… so gehts ja nun wirklich nicht.

Die Wirklichkeit sieht doch, wenn man ehrlich ist, so aus: Es geht allen unheimlich auf die Nerven- solange es die Anderen tun!

Ich bitte also um Absolution. In aller Form. Denn eigentlich möchte ich das nicht.

Kopfrechnen und Klamotten

Zugegeben! Ich sehe nicht unbedingt aus wie Kate Moss. Das mag unter anderem auch daran liegen, dass ich- nicht nur aus finanziellen Gründen- kein Kokain konsumiere. Regelmäßiges Nichtkoksen ist der Figur nicht besonders zuträglich. Auch konsequentes Kettenrauchen kann da nicht weiterhelfen. Trotzdem haben meine Hosen noch keine Gummizüge und meine Unterwäsche ist nicht hautfarben.

Hin und wieder begebe auch ich mich auf die Suche nach neuer Bekleidung , auch nicht ohne Freude dabei zu empfinden. Dabei vermeide ich jedoch meist erfolgreich Läden, in denen man schon kaum in die Umkleidekabine passt, sondern mit dem Gesäß in den Verkaufsraum ragt, wenn man sich die Schuhe zubindet. Auch schrecken mich Geschäfte ab, die ausnahmslos von jungen Damen bewirtschaftet werden, die die Hauptschule ohne Abschluss verließen, um dann bauch- und hirnfrei mit kleinen Blinkersteinchen auf den Fingernägeln, Plastikblusen und Hosen mit Arschtatoos zu verkaufen.

Eines Tages jedoch war ich mit einer Freundin zusammen auf großem Beutezug, die zwar nicht unbedingt Kate Moss, mindestens aber Heidi Klum nahe kommt. Somit hatte ich keine Wahl: Wenn ich nicht die Hälfte des Tages rauchend vor diversen Geschäften in der Einkaufsstraße stehen wollte, musste ich wohl mit in jedes Geschäft, welches auf ihrer imaginären Liste stand.

„Bei spanischen Größen musst du immer zwei Nummern größer nehmen, die haben ein anderes System“, gab sie mir noch mit auf den Weg und verschwand hinter einem Haufen glitzernder T-Shirts. Diesen Ratschlag im Ohr wunderte ich mich nicht mehr über die Tatsache, dass alles über Größe 38 bereits ausverkauft war. Größe 34 hingegen war im Überfluss vorhanden. Ich stellte mir gerade die Frage, ob man in diesen unteren Konfektionsbereichen auch noch zwei Nummern abziehen müsse und wem das wohl noch passen könnte und kam zu dem Schluss: Frauen, die da reinpassen, werden bereits künstlich ernährt und können sich nicht mehr auf den Beinen halten.
Ich sah mich also weiter um und konzentrierte mich auf die Abteilung, die wohl jede Frau nach frustriertem Shopping irgendwann in Angriff nimmt: die Accessoires! Gerade hatte ich mir ein Paar Handschuhe (in Größe S natürlich) genauer angesehen, als ich die Hilferufe meiner Freundin hörte, die sich in der Umkleidekabine in einen Pullover Größe 38 verfangen hatte und manövrierungsunfähig war. Während ich ihr aus dem Kleidungsstück half, murmelte ich etwas von „zwei Größen abziehen“, was dazu führte, dass sie nach 40 verlangte. Das Ergebnis war das gleiche, nur die Ärmel waren länger, immerhin! Glücklicherweise konnten wir beide Exponate unbeschadet zurück ins Verkaufsfach legen.

Zum Schluss stieß ich auf ein Polo Shirt in Größe L, welches exakt die Größe eines DIN A4 Blattes hatte. Bevor ich überprüfen konnte, ob sich wohl eine Verkäuferin dazwischen werfen würde, wenn ich zielstrebig mit diesem Stück Richtung Umkleide ginge, überredete mich meine Freundin zu gehen und lieber einen Cheeseburger zu essen. Weise Entscheidung!

Zettelwirtschaft

Oberflächlich gesehen bin ich ein recht ordentlicher Mensch. Ich putze mehrmals in der Woche das Klo und irgendwie hat auch fast jeder Gegenstand in meiner Wohnung seinen festen Platz.

Fast jeder.

Nun gibt es bei mir die ein oder andere Schublade, in der sich ebenjene Dinge befinden, die sich keiner Kategorie zuordnen lassen. So auch des Öfteren mal Belege, Kassenbons und diverse andere wichtige Scheiben. Zettel eben. Ich besitze auch ein paar Ordner, in der ich solche Zettel 1-2 mal jährlich abhefte. Wenn ich Langeweile habe. Weil ich krank bin. Oder wenn ich kurz zuvor die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt habe, weil ich einen bestimmten wichtigen Zettel stundenlang gesucht habe. Der letzte Abheftungsvorsatz musste leider wegprokrastiniert werden, weil ich meinen Locher nicht finden konnte.

Seit einigen Tagen suche ich nun die Quittung für meinen Reisepass. Der ist nämlich sicherlich schon längst da und wartet auf Abholung. Aber wo ist bloß dieser doofe kleine Zettel? Als erstes ist die Handtasche dran, die hatte ich ja schließlich dabei. Also eine der zahlreichen zumindest. Fehlanzeige. „Naja, so viele Möglichkeiten gibt es ja nicht“. Weit gefehlt. Meine Wohnung misst 50qm, wächst aber zu erstaunlicher Dimension, wenn ich etwas suche. Nun gut. Durchsuchen wir also oben erwähnte Schubladen.

Ich finde Glühbirnen, Bedienungsanleitungen, Filzgleiter, Seitenschneider, Kabelbinder, Fahrradventile, Schuhputzzeug (Schuhputzzeug? Ich besitze Schuhputzzeug??), Zitronenpresse, Gardinenröllchen, Laminatkeile, Post-it Blöcke, Bahnfahrkarten, NEON Unnützes-Wissen Heftchen, Schuhanzieher, Kaugummis, TAN Generator, ein Stapel Kassenbons. Keine Quittung. Ich kann mich wieder erinnern, sie irgendwo hingelegt zu haben, wo ich sie garantiert wiederfinden würde. Zumindest an diesen Gedanken kann ich mich erinnern, nicht aber an den Ort.

Die Suche geht weiter. Auf meinem Küchentisch liegt immer ein Stapel Allerlei. Zeitschriften, Rechnungen, Briefe. Darin kann man rumblättern, wenn man morgens seinen ersten Kaffee trinkt. Ich finde Supermarktprospekte von KW 15-23, aber auch hier: keine Quittung.

„Ist die überhaupt sooo wichtig? Vielleicht brauche ich die ja gar nicht zur Abholung“, diese Überlegung macht sich breit, wird jedoch schnell wieder verworfen beim Gedanken an die mir bevorstehenden Diskussionen auf dem Amt. Die Suche geht also weiter. Ich suche an allen erdenklichen Orten (Sockenschublade, Nähkasten etc.), jede Schublade wird nicht nur einmal durchleuchtet, sondern mehrfach. (Parallel dazu hämmert immer der Satz „HIER musst du wirklich DRINGEND mal aussortieren“ in meinem Ohr).

Als ich gerade aufgeben will, kommt mir die verrückte Idee, in einer Mappe nachzusehen. Eine Mappe, die die imaginäre Beschriftung trägt: „Ablage Muss noch abgeheftet oder in naher Zukunft benutzt werden„. Da ist sie, die Quittung. Die ganze Zeit, in der ich die Wohnung durchkämmt habe, lag sie da. Einfach so. Da wo sie hingehört. Ich lege sie auf den real Prospekt der aktuellen KW, auf den Zeitschriftenstapel in der Küche und denke: „Hier findest du sie garantiert wieder“.

Und zur Not kann ich ja einfach hier nachlesen.

kzH

Ich bin krank geschrieben. Zwei Wochen. Davor war ich schon eine Woche im Krankenhaus, also sind es drei Wochen, in denen ich nicht zur Arbeit gehen kann.

Ich fand es eigentlich sogar ein wenig verlockend, drei Wochen mal seine Ruhe zu haben und keinen Wecker stellen zu müssen. Eigentlich…

Beschäftigung Nr. 1: Fernsehen

Die Fußball EM ist vorbei. Dies führt ja auch unter normalen Umständen schon einmal in ein emotionales Tal, ist man jedoch rund um die Uhr zu Hause, erhöht sich die Brisanz. Ich strukturiere also meine ersten Tage nach Punkt 9 (Frühstück), Punkt 12 (Mittagessen) und Exklusiv (Abendessen). In den Mitten im Leben Pausen freue ich mich darüber, dass es im sozialen Gefüge doch noch Menschen existieren, die zu mir aufschauen müssten (theoretisch), während ich mir nachmittags im Schlafanzug noch einen Kaffee mache.

Beschäftigung Nr.2: Online Shopping

Heute kam der DHL Bote zum zweiten Mal in dieser Woche und fragte mich, wieso ich denn zu Hause sei. (Er ärgerte sich wohl, weil er sonst die Pakete bequem im EG abgeben kann, während er nun in den 2. Stock schnaufen musste) Ich schilderte im (im Schlafanzug), dass ich krank geschrieben sei, und dass wir uns in den nächsten Tagen wohl noch öfter sehen werden. Online Shopping ist toll, wird mich aber früher oder später in die Situation bringen, dass ich einen Rettungsschirm beantragen muss.

Beschäftigung Nr. 3: Internet

Seiten, die ich durchgelesen habe: SpOn, Facebook, Twitter, Chefkoch, Tagesschau, Amazon, Stepstone, Sacha Brohm, Holidaycheck, Tatort- Forum, Haekeln.com, Wikipedia (okay, nicht ganz durch)

Folgende Mediatheken sind bereits abgearbeitet: ZDF, ZDF neo, ZDF Kultur, WDR Quarks&Co, ARD, RTLnow, VOXnow. Werde mich nun Youtube widmen. Habe festgestellt, dass es dort erstaunlich viele Didi Hallervorden Sketche zu sehen gibt.

Beschäftigung Nr.4: DVD

Alleine Filme auf DVD gucken ist nichts für mich. Da bin ich komisch konditioniert. DVDs sieht man sich mindestens zu zweit an. Zumindest Filme. Wer schon einmal an einem Dienstag vormittag um elf Rosemary’s Baby gesehen hat, weiß vielleicht was ich meine. Da ich meine Diese Drombuschs Box bereits bei meiner Grippe im November abgearbeitet habe, bleibt die restliche DVD Sammlung erstmal unberührt.

Beschäftigung Nr.5: Kochen

Ich muss ja glücklicherweise nicht das Bett hüten. Dies ermöglicht mir, einkaufen zu gehen. Ich habe Muffins gebacken, frischen Fisch zubereitet, Marmelade und Tomatenrelish gekocht und Rhabarbersirup hergestellt. Die Küche liegt nach diesen Aktionen jedesmal in Trümmern. Das Abwaschen vertage ich jedoch (aus Krankheitsgründen, man ist ja schließlich nocht geschwächt) und in Ermangelung eines sauberen Topfes, wird dann eine Ofenfrische in die Röhre geschoben.

Beschäftigung Nr. 6: Lesen

Ja, das ist so eine Sache. Ich lese gerne und ich lese viel. Täglich mindestens eine Stunde. Das ist die Zeit, die ich für die Fahrt zur Arbeit und wieder zurück aufbringe. In der Straßenbahn. Also viel Zeit zum Lesen. Ich habe nie verstanden, wie Menschen Bahn fahren können, ohne dabei zu lesen. Oder Kreuzvorträsel zu lösen. Oder am Handy rumfummeln. Oder überhaupt IRGENDETWAS zu tun. Nun gut. Ich also lese. Im Krankenhaus habe ich 2 1/2 Bücher gelesen. Das erste hatte ich bereits durch während ich an der Aufnahme saß. Mit dem letzten habe ich dummerweise unmittelbar nach der Operation begonnen. Das bedeutet, die ersten 150 Seiten habe ich im Delirium gelesen. Jetzt handelt es sich auch hierbei nicht um Eine Woche voller Samstage oder Konsalik’s Wer stirbt schon gerne unter Palmen, sondern um Kafka am Strand. Ein gutes Buch. Wenn man nicht gerade die ersten 150 Seiten unter Vollnarkose liest. Diese Tatsache macht die noch vor mir liegenden 380 Seiten zu einer Herausforderung. Und danach gibt es erstmal wieder Nick Hornby. Zum Runterkommen.

Beschäftigung Nr. 7: Wäsche waschen

Würde ich machen, trüge ich nicht zu 80% einen Schlafanzug.

Beschäftigung Nr.8: Krankenbesuch empfangen

Tageshighlights. Mein Freundeskreis besteht nun leider nicht aus Arbeitslosen, und auch die Anzahl der Studenten ist im Laufe der Jahre auf Null geschrumpft. Krankenbesuche werden also abends abgestattet. Zwischen 19 und 20 Uhr tausche ich also meinen Schlafanzug gegen eine Hose (naja, meistens… je nachdem, wer mich besuchen kommt) und empfange Besuch. Um beispielsweise mit ebendiesem eine DVD zu schauen. Und ihm anschließend ein Glas selbst gekochte Erdbeermarmelade unterzujubeln.

Beschäftigung Nr.9: Das Haus verlassen

Das ist aufregend. Ich bin wie erwähnt nicht ans Bett gefesselt und soll laut ärztlicher Anweisung auch durchaus rausgehen. Mein Arbeitnehmergewissen macht mir jedoch regelmäßig einen Strich durch die Rechnung. Wie eine illegale Einwanderin schleiche ich also durch meinen Stadtteil und rufe im Geiste schonmal alle vermeintlich wichtigen Sätze ab, die es beim Aufeinandertreffen mit Kollegen abzurufen gilt: Ich war kurz in der Apotheke. Ich habe einen Arzttermin. Klopapier ist alle. Die Operationsnarbe halte ich dabei so verdeckt wie nötig, so sichtbar wie möglich. Jeder Genesungswunsch, der die Worte Glück, gutes Wetter, Erholung, schöne Tage enthält, wird unter „gemeine Zyniker“ lebenslang abgespeichert.

Beschäftigung Nr. 10: Bloggen

Die ideale Beschäftigung. Es rangiert in meinem Normen- und Wertesystem über RTL gucken, macht keinen Dreck, kostet kein Geld und erfordert keine Gesellschaft. Würde ich jetzt noch was erleben (also mehr als in Punkt 1-9 beschrieben), könnte das was werden.

Die zweite Woche ist nun fast rum. Und ich weiß jetzt bereits, dass ich in wenigen Wochen denken werde: „Hach, so ein paar Tage zu Hause, nix tun außer DVD gucken und lesen; das wäre mal was Feines“. Ich hoffe, die formschöne Acht, die ich in den abgewetzten Dielenboden gelaufen habe, wird mich erinnern, wie es war. Damals. Als ich drei Wochen krank geschrieben war.

das erste Mal

Das ist er also: Mein erster Blogeintrag. Hatte ich mir aufregender vorgestellt. Man liest und hört ja ständig viel darüber. Und dann ist es passiert und total unspektakulär. Aber so ist es eben mit den jungen Wilden. Irgendwann reichen einem die 140 Zeichen einfach nicht mehr aus.

Außerdem halte ich mich seit geraumer Zeit beim Bielefelder Bloggerstammtisch auf, ohne ein Ebensolcher tatsächlich zu sein. War also bislang eine Illegale. Gut, ich habe meinen Deckel immer bezahlt, aber so ganz koscher war das ja alles nicht.

Und somit müsst ihr euch den Kram jetzt antun. Also… müsst ihr ja nicht. Ich meine, ich an eurer Stelle…

…aber mich fragt ja hier keiner.