Ameisenstraßen

Vor einiger Zeit sah ich während einer schlaflosen Nacht eine Dokumentation über einen Stauforscher. Um diesem (mir vollkommen unerklärlichen) Phänomen des Staus auf den Grund zu gehen, untersuchte dieser Herr Ameisenstraßen. Seit vielen Jahren. Jahrzehnten. Und sein Ergebnis war: Auf Ameisenstraßen kommt es niemals zu Staus, weil alle das gleiche Ziel haben.

Nun gut. Im Straßenverkehr haben sicher alle ein anderes Ziel: Der nächste Mc Donald‘s, pünktlich ins Büro, schnell zu Freund/Freundin/Frau/Mann/Geliebte/Geliebter oder der erste an der Hotelrezeption sein. Trotzdem haben ja –zumindest auf Autobahnen- alle zunächst mal das Ziel: Geradeaus.  Aber so gut wie Ameisen schaffen wir es nicht. Vor allem die deutschen Autobahnen haben nichts mit einer Ameisenstraße gemeinsam.

Dass Ameisen die besseren Menschen sind, erlebt man aber nicht nur auf Autobahnen. Gestern war ich mal wieder auf einem Flohmarkt. Und mit mir noch viele andere. Ich habe nichts gegen Menschenmengen, ich reagiere nicht panisch auf bevölkerte Plätze. ABER: Menschen sind manchmal doch sehr unerträglich. Weil sie überall die ersten sein müssen. Weil sie sich permanent benachteiligt fühlen. Und weil sie in jedem einen Feind sehen.

So passiert es, dass sich Mütter mit Zwillingskinderwagen eine Schneise in die Menschenmenge schneiden, Ellbogen eingesetzt werden und hektische 90° Richtungswechsel vorgenommen werden, um wirklich überall der erste zu sein.

Wenn die Straßenbahn hält, lässt man auf keinen Fall erst die ankommenden Fahrgäste aussteigen. Die Rolltreppe wird versperrt, damit man bloß nicht überholt werden kann (rechts stehen, links gehen funktioniert genauso gut wie das Reißverschlussprinzip: gar nicht).

Schweißgebadet stehen wir an der Supermarktkasse, wenn die alte Dame vor uns vergessen hat, ihre zwei Bananen abzuwiegen. Wieder 20 Sekunden vergeudete Lebenszeit.

Ständig scheinen die grauen Herren aus Michael Endes Momo hinter uns zu stehen. Keine Zeit verlieren, vor allem nicht zugunsten anderer Menschen. „Darf ich vor? Ich hab nur zwei Teile.“

Meine Oma sagte früher immer: „Wir haben im Krieg lange genug in der Schlange gestanden, jetzt will ich das nicht mehr!“. Okay. Argument. Aber wie viele Flohmarktbesucher, Straßenverkehrsteilnehmer, Rolltreppensteher, Straßenbahnfahrer und Supermarktbesucher können dieses Argument heute noch vorbringen?

Macht ruhig so weiter: Setzt alles ein was ihr habt: Lichthupe, Ellbogen, Kinderwagen, Tritte. Ihr seid sicher die ersten am Ziel. Die grauen Herren freuen sich auf euren ersten Herzinfarkt.

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