Biomissionare

Ich wohne in einem Bioviertel. Überall trifft man auf bebirkenstockte, gebatikte Menschen. In meiner Straße befindet sich schräg gegenüber meiner Wohnung ein relativ großer Bioladen. Ab und zu gehe ich auch mal hinein, um dort Lebensmittel zu kaufen.

Allerdings stelle ich mir jedesmal wieder die Frage: Warum muss es zwangsläufig in einem Bioladen müffeln wie in einem Dinkel- Pumakäfig? Wieso ist es immer so leicht ranzig dort? Auch einige der dort tätigen Mitarbeiter umgibt diese gewisse Grundschmuddelichkeit. Die leicht abgewetzten, an den Knien bollerigen Jeans, die von indischen Waschnüssen nicht ganz sauber wurden, leicht strähnige Haare und komischerweise ein etwas teigiges Gesicht: gesund sieht irgendwie anders aus.

Da ist mir dann der sauber durchgewischte Edeka oder ALDI einige Meter weiter tatsächlich lieber. Und Bio gibt es ja inzwischen an jeder Ecke.

Ich bin nun so eine Mischung aus ungläubiger Nihilist und Gutmensch; eine sehr schlechte Vegetarierin und zudem auch noch Südfrüchte- und Thunfischliebhaberin. Da ist man als Wunsch- Gutmensch irgendwie hoffnungslos verloren. Zumal ich mich permanent verarscht fühle. Vor allem, WEIL es inzwischen an jeder Ecke Bio Produkte gibt. Bio Salami im ALDI für 89 Cent. Bio Bananen. Wie hab ich mir das vorzustellen? Steht da in Costa Rica oder Chile ein einsames Bananenplantagedorf, in dem keine Pestizidbomben eingesetzt werden? Dem Bauern in Deppendorf, der auf dem Wochenmarkt steht, kann ich das glauben, aber Bananen? Was kommt als nächstes? Bio Analogkäse? Bio Formfleischpresskochschinken? Bio Gänsestopfleber? Dient dieser Biohype nur meinem Gewissen und ist in Wirklichkeit nur eine Marketingstrategie? Erkennbar ist Bio Obst- und Gemüse im Supermarkt ja sofort: Es ist nämlich immer und grundsätzlich in Plastik verschweißt (??!!). Und was ist mit der Ökobilanz von indischen Waschnüssen und Bio Flugmangos?

Ich bin verwirrt. Da will man Gutes tun (also, zwischendurch mal, um das Kantinen- Legebatterien- Frühstücksei und den McDonalds Burger auszugleichen) und dann weiß man wieder nicht, wie es richtig ist.

Und auch die großen Biomissionare (wie ich sie liebe, diese mitteilungsbedürftigen Dinkelkeksesser) sind da nicht wirklich sattelfest. Einer dieser Bekehrer, der mir jede, aber wirklich jede Mahlzeit vermieste, in dem er Referate über Massentierhaltung und CO² Bilanz von Fleisch insgesamt hielt, berichtete mir neulich stolz, wie viele Flugkilometer zusammen kamen, als er zu seiner Hochzeit in irgendeinem gottverlassenen Kaff in Ostdeutschland einlud. Kann irgendwie auch nicht Sinn der Sache sein. In meiner Welt zumindest nicht.

Also lasst mich bitte in Ruhe meinen Thunfisch essen. Ich verachte euch auch nicht, weil ihr Auto fahrt, während ich Bahn und Rad fahre. Nehmt meinetwegen den Flieger von Köln nach Düsseldorf. Oder näht euch schicke Kaftäne aus Kartoffelsäcken und batikt sie mit Hennafarben. Aber nehmt doch einfach den Gutmenschen- Zeigefinger runter. Shen Te* konnte ohne Shui Ta* auch nicht existieren.

*Brecht: Der gute Mensch von Sezuan

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