Prozessoptimierung

Seit Jahren trainiere ich in der Disziplin „Verschlafen, aber die Bahn doch noch kriegen“. Täglich. Fünfmal die Woche. Ich bin gar kein Langschläfer. Am Wochenende funktioniert meine innere Uhr ganz hervorragend. In der Woche scheint das Bett aber magnetisch zu sein (und ich eine Eisenplatte im Rücken zu haben). Die Snooze Taste ist mein Untergang. Das war schon immer so. Wer die erfunden hat, gehört gehauen. Ganz doll. (Ebenso wie der Erfinder der unsinnigen Capslock Taste, aber das ist eine andere Geschichte).

Es gibt Menschen, die stehen mit dem ersten (oder sogar vor dem ersten) Weckerklingeln einfach auf, gähnen kurz und der Tag beginnt. Bei mir Bedarf es einiger Vorkommnisse mehr, bis ich dieses Ziel erreiche.

Der Wecker Meine Weckerschaft klingelt. Ich habe drei (in Worten drei) Wecker Apps, die alle in unterschiedlichen Tönen zu verschiedenen Zeiten klingeln. Warum nicht eine, die dreimal klingelt? Nun, ich will es erklären: Die erste wird per Schütteln gesnoozed, die zweite mit Tastendruck, die dritte mit Lösung einer mathematischen Aufgabe (die einfache Kategorie, damit er nicht klingelt, bis mich der leere Akku erlöst). Auch die Snooze-Wiederklingel- Abstände sind versetzt, damit ich strategisch den Überblick verliere, welche App nun gerade klingelt. Im Dreiviertelschlaf eine nicht zu unterschätzende Aufgabe. Zusätzlich bekam ich einst „Clocky, den rollenden Wecker“ von einer Freundin geschenkt mit den Worten: „Mir ist der zu laut“. Zu laut meint: Er hat damals zu der Wiederauferstehung von Lazarus beigetragen. Er IST laut. Sehr sehr laut. So laut, dass meine Nachbarin mit geweckt wird. Muss er ja auch, denn er rollt weg. Ist ja Sinn der Sache. Man soll aufstehen. Wenn man also nicht schnell genug reagiert, ist er verschwunden. Unterm Bett, in der Küche, unterm Schrank. Und da ich auch total gut darin bin, mich selbst mit Trick 17 übers Kreuz zu legen, drehe ich ihn einfach nach der ersten Regung auf die Seite, so dass er nicht mehr ausbüchsen kann. Clever. Wenn man nicht aufstehen will.

Immerhin sind die beiden Kater wach (oder sonstige Personen, die mit mir das Bett, die Wohnung, den Stadtteil teilen), die dann die weiteren Weckaufgaben übernehmen. Wer Simon’s Cat je gesehen hat, weiß was ich meine. Sollte jemand anderes neben mir liegen, so werde ich durch ein höfliches „Steh jetzt endlich auf und mach den scheiß Wecker aus!“ darauf hingewiesen, dass ich spät dran bin.

Zwischendurch behalte ich die Zeit im Auge und rechne, ab wann es WIRKLICH knapp wird mit der Bahn. Früher fuhr ich Straßenbahn, die fuhr im Abstand von 15 Minuten. Inzwischen habe ich morgens nicht mehr so große Auswahl, da ich mit der Nordwestbahn unterwegs bin. Da liegen dann gerne mal 45-90 Minuten zwischen zwei Zügen. Irgendwann stehe ich dann also auf. Meist panisch (OHGOTTOHGOTTOHGOTTJETZTWIRDESABERWIRKLICHSCHEISSEVERDAMMTKNAPP), immerhin kommt so der Kreislauf in Schwung. Sobald ich aufrecht stehe, ist alles gut. Der Tag ist mein Freund. Muss auch so sein, denn nun folgen ebendiese Höchstleistungen, weswegen ich auf ein Olympischwerden dieser Disziplin hoffe:

Ich gehe ins Bad, werfe mir Wasser ins Gesicht, schmeiße die Zahnbürste an. Während ich mir die Zähne putze, ziehe ich mich an (am Abend vorher rausgelegt, wie so’ne 80jährige, oder 8-jährige…je nachdem), füttere die Kater und koche mir 2 Tassen Kaffee, die ich in meinen Thermobecher fülle (mein erster und einziger Besuch einer Starbucksfiliale übrigens). Ich packe mein Mittagessen und zwei Äpfel ein, ziehe Schuhe an, verlasse die Wohnung und steige auf mein Fahrrad. Die Fahrt zum Bahnhof dauert exakt eine Zigarettenlänge (um 5:26 kann man wunderbar alle Ampeln bei Rot nehmen). Ich schließe das Rad an und steige in den bereit stehenden Zug. Im Zug schminke ich mich, wische mir Zahnpastaflecken aus dem Gesicht, trinke Kaffee und frühstücke einen Apfel. Zwischen erster Handlung und Erreichen des Zuges lagen heute morgen exakt 14 Minuten und das ist noch nicht einmal mein Rekord. Jeden Morgen geht das so. Jeden. Verdammten. Morgen.

Ich überlege, ob ich nicht noch ein paar Minuten irgendwo abzapfen kann, aber ich glaube, so langsam ist die ganze Kiste überreizt. Ich könnte weitere Aktivitäten in den Zug verlegen, aber die Mitreisenden würden wohl komisch gucken, wenn ich demnächst mit einem Handtuch über’n Arm in die Zugtoilette wandere, und meine Zahnbürste anfangen würde zu surren. Irgendwann ist eben doch jeder Prozess zu Ende optimiert.

Schade.