Ballade an Nicht- Familienmitglieder

In den siebziger Jahren, als ich das Licht der Welt erblickte, gab es bereits die Anti- Babypille. Diese Tatsache, verbunden mit der Eigenschaft meiner Eltern, nicht katholisch zu sein, ist wohl der Grund dafür, dass ich nicht in einer Waltons Familie aufgewachsen bin.
So habe ich zum Beispiel keine Geschwister, die mit mir zusammen groß geworden sind. Auch Omma und Oppa, sowie diverse Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen, Schwippschwager und Schwippschwägerinnen wohnten nicht um die Ecke, so dass unsere Familie aus exakt 3 Personen bestand. Inzwischen sind es sogar nur noch zwei. (Spricht man da eigentlich noch von Familie?).
Es gab bei uns keine Geburtstagsfeiern mit 25 Verwandten, kein Weihnachtsfest, für das man das halbe Haus umbauen musste, um alle Personen zu beherbergen. Ich musste nicht die zerschlissenen Jeans meiner Brüder und Schwestern auftragen und hatte immer ein Zimmer für mich alleine. Dieses Familiendings war und ist für mich also immer etwas nebulös.

Nun lebe ich seit mehr als drei Jahrzehnten mit dieser Tatsache, alleine zu sein, und stelle fest, dass ich das ja eigentlich gar nicht bin. Im Gegenteil. Eine Familie ist ja irgendwie wie ein Fußballverein: Man sucht sie sich nicht aus. Sein soziales Umfeld hingegen schon. Und auch wenn ich keinen großen Bruder hatte, gab es doch immer irgend jemanden, der ihn ersetzen konnte.
Es gibt Menschen, die ertragen mich schon seit über 30 Jahren, andere noch nicht ganz so lange. Irgendwer war immer da, von dem ich Mathe abschreiben konnte, der Umzugskartons geschleppt hat. Manche haben mir gesagt: „Vergiss den Typen, er ist ein Arsch“ und haben aufgepasst, dass mir keiner k.o. Tropfen ins Bier geschüttet hat. Einige haben mir Geld geliehen, als ich meinen Deckel nicht bezahlen konnte. Manche dieser Nichtfamilienmitglieder zerren mich genau dann aus dem Haus, wenn mir die berauhfasertapetete Decke auf den Kopf fallen will. Es gibt in meinem Umfeld auch Personen, die mich fragen, wie es mit geht, wenn sie wissen, dass die Antwort vielleicht nicht „Danke, gut und dir?“ heißen wird.

Insbesondere, wenn einem täglich zahlreiche Arschlöcher begegnen, ist es doch ganz angenehm zu wissen, dass sich das persönliche „Buch der coolen Leute“ nach und nach füllt und man auch nur wenige Zeilen hin und wieder überschreiben muss.
Ich brauche keinen großen Bruder, den ich nachts anrufe, wenn in meiner Küche mal das Fett brennt. Und ich brauche keine kleine Schwester, die mir beim Kotzen die Haare hält. Irgend jemand würde mir da schon einfallen.

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