Team Thyroxin

So, Fründe: Es ist soweit: Die Gräfin schreibt über Krankheiten. Aber ich bin so fair, und erwähne es sowohl in Überschrift als auch als Eingangssatz. So könnt ihr alle schnell wegklicken, wenn euch das zu doof ist.
Gut, die Verbliebenen erfahren nun etwas über eine Krankheit, die ich gar nicht als solche bezeichne. Krank ist Schnupfen. Ich habe was Cooles. So cool, dass Funny van Dannen bereits ein kleines Liedchen darüber schrob, welches ihr euch hier anhören könnt. Es handelt sich nämlich um eine Schilddrüsenunterfunktion. Die ganze Krankengeschichte ist selbst mir zu langweilig, daher erspare ich sie euch. Wichtiger sind eigentlich auch eher die Symptome. Falls ihr mal 4-5 Stunden Zeit habt, könnt ihr sie ja mal googeln. Die Liste ist lang. Man hat irgendwie alles, aber nichts richtig. Deshalb geht man auch nicht zum Arzt. Was soll der schon sagen, wenn man ihm erzählt, dass man immer müde ist. „Gehen Sie eher schlafen, Frau Gräfin!“. (Womit er nebenbei bemerkt auch Recht hätte).
Dazu kommt, dass man bestimmte Symptome auch nach fast zwanzig Jahren als Charakterzug hinnimmt. Es ist eben nicht so einfach wie „Kopfschmerzen da- Kopfschmerzen wieder weg“. Es ist viel subtiler, fast schon meta. Man könnte es vielleicht mit einer angezogenen Handbremse vergleichen. Oder mit einer Wolldecke, die man auf dem Tag liegen hat. Oder auf dem Gehirn. Irgendein fieser Möpp hat einen ganz komischen Instagram Filter auf mein schönes Leben gefummelt. Nicht immer, aber doch größtenteils. Die Grenzen zwischen Unterfunktion und Depression sind glaube ich zum Teil sehr weichgezeichnet. Zumindest scheint mir die Schnittmenge doch recht groß.
Ein Auto mit angezogener Handbremse braucht ne Menge mehr an Benzin, ebenso verhält es sich da bei dieser schönen Krankheit Eigensinnigkeit des gräflichen Hormonhaushaltes. Man kriegt alles hin, was man hinkriegen muss. Dafür bin ich ja schließlich preußisch erzogen worden. Für den Rest fehlt dann der Reservekanister.
Warum ich zu dieser coolen Laune der Natur gekommen bin, weiß ich nicht. Vielleicht hat mir mein Wellensittich „Stresemann“ damals alle Jod S11 Körner weggepickt. Vielleicht habe ich auch -entgegen aller Warnungen- im Tschernobyl Jahr zu viel Zeit auf dem Spielplatz verbracht. Geerbt habe ich es nicht. Soviel steht fest.
Nach langem Hin- und Her war dann aber schließlich klar: Das Organ ist hin. Oder um es mit John Cleese zu sagen:
„‚Is metabolic processes are now ‚istory! ‚E’s off the twig! ‚E’s kicked the bucket, ‚e’s shuffled off ‚is mortal coil, run down the curtain and joined the bleedin‘ choir invisibile!! THIS IS AN EX- PARROT  [SCHILDDRÜSE]!!“
Nun gut, also raus damit. Kaputte Sachen muss man ja nun nicht unnötig mit durchbluten. Und nach weiterem langen Hin- und Her gehöre ich nun seit ein paar Monaten ins „Team Thyroxin“ und ich kann euch sagen, dass Hormone wirklich einen fiesen Charakter haben. Wenn sie nicht da sind, ist es schlecht. Wenn sie da sind, ist es jedoch auch nicht immer ein Geschenk. Fuhr ich vorher immer mit angezogener Handbremse, so fahre ich nun manchmal mit Kickstart in einem Fahrzeug, für das ich gar keine Fahrerlaubnis habe. Nach so langer Zeit ist das eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Und zwar nicht nur für mich, sondern sicher auch für meine Umwelt. Deshalb berichte ich darüber. Somit habe ich ab sofort immer eine Ausrede für komisches Verhalten. Und endlich kann ich auch mal den (von mir meist gehassten Satz) „Ich bin halt so“ sagen. Immerhin.

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

Eine Nebenwirkung des menschlichen Zusammenlebens ist die, dass man eben mit ihnen zusammen leben muss. Jetzt nicht unbedingt in einer Wohnung oder einem Bett, jedoch sehr wohl in einer Stadt, in einer Kneipe, einem Büro oder einem Freundeskreis. Man muss zwangsläufig irgendwie mit ihnen interagieren, ob man nun will oder nicht. Die einzige Möglichkeit, dem zu entkommen, ist die, sich wie der hutzelige alte bärtige Mann aus „The Life of Brian“ in eine Erdhöhle zu setzen und Wacholderbeeren zu essen. Schweigend. Kein schöner Gedanke. Also macht man besser die Not zur Tugend und erfreut sich am menschlichen Zusammensein. Ich zumindest.
Dazu gehört auch zwangsläufig ein gewisses Grundvertrauen. Nun muss man seinem Gegenüber nicht nach zehn Minuten von fiesen Genitalekzemen oder Schweizer Bankkonten berichten, aber man sollte ihnen schon soweit vertrauen, dass sie einem nicht im nächsten Moment das Pausenbrot klauen wollen. Sei denn, sie stehen maskiert und bewaffnet vor dir. In dem Moment ist eine Portion Misstrauen schon angebracht. Im Normalfall hat die Natur es aber ohnehin so eingerichtet, dass wir schon skeptisch werden, wenn man in so einer Situation steckt. Nehme ich an. Ich selber hatte bisher das Glück, bisher von solchen bösen Buben verschont geblieben zu sein.
Was natürlich nicht bedeutet, dass mir jetzt chronisch die Sonne aus dem Hinterteil scheint. Mir hat man auch schon einige Dinge (von Pausenbrot über Feuerzeug bis Fahrrad) geklaut. Man hat mich schon belogen, verarscht und mich anderweitig doof behandelt. Aber genauso gab es auch dann diejenigen, die das eben nicht getan haben. Zum Glück waren die bisher in der Mehrzahl.
Es mag also eine Schwäche von mir sein, dass ich zunächst einmal davon ausgehe, dass man nichts Böses im Sinn hat, wenn man sich mir in irgendeiner Weise nähert (Ausnahme: Ihr seid ganz erstaunlich nett und zuvorkommend: Dann muss an euch was faul sein!). Würde ja ohnehin nichts ändern. Wer ärgern will, der ärgert, ob man nun damit rechnet oder nicht. Es macht also keinen Unterschied, ob ich jemandem nun über den Weg traue oder nicht.
Im Gegenteil: Wenn man allen Menschen grundsätzlich unterstellt, dass sie am Familienschmuck interessiert sind, oder einem vor’s Schienbein treten wollen, sollte man sich vielleicht wirklich besser in ein Erdloch setzen. Dann ist man nämlich ein sehr unangenehmer Zeitgenosse. Und ich unterstelle eben diesen auch jetzt mal ganz keck, dass sie selber nichts anderes im Sinn haben, als anderen zu schaden.
Mit der Zeit lernt man vielleicht auch, Menschen einschätzen zu können. Ein bisschen zumindest. Denke ich. Hoffe ich. Mir bleibt ja auch nichts anderes übrig. Wenn ich mich nicht die nächsten Jahre von Wacholderbeeren ernähren will.