„Viertel um“

„Stell dir einfach eine Torte vor!“
Wie oft ich diesen Satz schon gehört habe. Immer, wenn ich versuche, mit Mitmenschen aus den Regionen im Osten oder Süden, einen Zeitpunkt auszumachen, scheitere ich an der für mich vollkommen sinnlosen Uhrzeiteninterpretation.
„Viertel eins gehen wir essen, kommste mit?“ fragt der Elektriker auf der Baustelle. „Ja, gerne“, erwidere ich, ohne die geringste Ahnung zu haben, wann das denn wohl sein könnte.

Im Internet findet man sogar eine Seite mit dem Namen http://www.dreiviertelzwoelf.com, ich bin also nicht die Einzige, die mit diesen kryptischen Uhrzeiten nicht klar zu kommen scheint. Hier ein Auszug:

„Man unterteilt die Uhr einfach in Viertel: Ein Viertel, zwei Viertel (ist ein Halb), drei Viertel. Wenn nun eine Stunde voll ist, z.B. elf, dann läuft die Uhr weiter und die nächste volle Stunde wäre zwölf. Nach fünfzehn Minuten ist ein Viertel der neuen Stunde vergangen, das heißt, es ist viertel zwölf (11:15 Uhr). Nach weiteren fünfzehn Minuten ist die Hälfte der Stunde vergangen, also halb zwölf (11:30 Uhr). Und wenn drei mal fünfzehn Minuten, also drei Viertel um sind, ist es drei viertel zwölf (11:45 Uhr). Klar?“

Ähm. Nein!! Ganz und gar und überhaupt nicht! Meine Synapsen werden damit einfach nicht fertig. Da kann ich mir noch so viele Torten vorstellen, „viertel zwölf“ ist für mich nach wie vor (wenn überhaupt) „viertel vor zwölf“ mit vergessener oder weggenuschelter Präposition, aber keinesfalls viertel nach elf. Nie und nimmer.

Ich komme klar. In Ostwestfalen spricht man nicht so. Hier kann ich Verabredungen treffen, ohne vorher die Uhrzeit zu recherchieren. Anders verhält es sich da wie erwähnt unter Menschen aus anderen Teilen Deutschlands. Hier habe ich inzwischen durchgesetzt, dass Uhrzeiten in Digitalsprech abgestimmt werden. („Mittach um zwölf Uhr fümmunvierzich, kommste mit?“). Auch das war ein langer Lernprozess, in dem ich einige einsame Mittagspausen verbringen musste.
Zusätzlich zu diesem Viertel- und Dreiviertel-Quatsch haben ja besonders Ostdeutsche diesen Fimmel, die volle Stunde einfach „Um“ zu nennen. „Es ist fünf vor Um!“. Es ist mir schleierhaft, ob Faulheit oder Extravaganz dahinter stecken. Aber ich bleibe dabei: „Um“ ist keine Uhrzeit. Es ist auch keine Zahl. Soviel habe ich aus meiner mehr oder weniger erfolgreichen Mathematiklaufbahn behalten. In meinem ersten Zeugnis stand: „Gräfin beherrscht den Zahlenraum von 1-50 nahezu fehlerfrei“. Nirgends kam hier eine Zahl namens „um“ vor. Auch später, als mir das Rechnen zunehmend nebulöser wurde, ist mir so eine Zahl nie begegnet. Auch auf meinen Uhren zu Hause gibt es die Zahlen von eins bis zwölf, maximal bis vierundzwanzig. Kein „um“.
Man könnte das Ganze nun ad absurdum führen, indem man sich um „dreiviertel um“ verabredet. Oder um „fünf vor viertel um“.

Dann empfehle ich aber dringend, ein Pausenbrot in der Tasche zu haben. Sicher ist sicher.