Aquawedistan

Es gibt kein Wasser in Bielefeld. Paul Kuhn hätte darüber sicher noch ein Lied geschrieben, wenn er noch ein, zwei Jährchen länger gelebt hätte.
Gar kein Wasser ist jetzt auch nicht ganz richtig. Es gibt die Lutter. Wenn man lange sucht und ganz genau hinguckt. Und es gibt den Obersee. Und den Johannisbach. Aber streng genommen handelt es sich hier ja nicht wirklich um Wasser im eigentlichen Sinne.
Als Wassersportler ist man auf Binnengewässer angewiesen. „Binnen“ im Sinne von gefliest. Und aufgrund der Klimazone, in der sich unsere schöne Stadt befindet, auch meistens „binnen“ im Sinne von innen.
Zweimal die Woche versuche ich, meinen alternden, eingerosteten Körper durch Leibesübungen zu triggern, indem ich 1-2 Kilometer schwimme.
„Ist das nicht total langweilig?“ fragte mich neulich eine Kollegin. „Beim Laufen sieht man ja wenigstens Gegend und kann Musik hören!“
Nein. Es ist überhaupt nicht langweilig. Denn man kann ganz wunderbar die anderen Menschen beobachten und in Schubladen stecken. Für mich als ordnungsliebenden Menschen (ähem) eine unverzichtbare Tätigkeit.

Kategorie 1: Die Jodeldiplom Hausfrau
Sie hat mit dem Hobby Schwimmen jetzt endlich was für sich. Während der Göttergatte (kurz GöGa) angelt, philatiliert oder Tauben züchtet, geht sie schwimmen. Mit der Nachbarin. Wenn die Zeit hat und das Wetter fürs Nordic Walking zu schlecht ist. Jodeldiplom Hausfrauen sind daran zu erkennen, dass sie vor dem Schwimmbadbesuch zum Friseur und zur Kosmetikerin gehen. Daher sollte man nicht zu nah an sie heran schwimmen, umherfliegende Tröpfchen sind bei diesen Damen nicht gerne gesehen!

Kategorie 2: Die Senioren
Meine Lieblingsmitschwimmer. Die sind wirklich zum Liebhaben! Sie haben immer Badekappen auf, mit denen sie Tiffy aus der Sesamstraße zum Verwechseln ähnlich sehen. Eine ältere Dame schwimmt im Aquawede immer im Nichtschwimmerbereich entlang des Beckenrandes, obwohl sie durchaus Seepferdchenqualitäten an den Tag legt. Sie lächelt immer ganz freundlich, wenn man um sie herum schwimmt. >
In größeren Gruppen sind Senioren allerdings eine Herausforderung. Wenn „Langsam-Schwimmen-Ohne-Untergehen“ irgendwann olympisch wird, kenne ich mindestens eine Mannschaft, die alle Medaillen abräumen könnte. Wenn man längere Zeit hinter so einer Gruppe hergeschwommen ist, kennt man auch diverse gute Saucenrezepte und man weiß, wie der Butterkuchen auf Schlüterkamp Theos Beerdigung war (der Mann von Edeltraut, die mit dem schlecht sitzenden Gebiss, ihr wisst schon).

Kategorie 3: Schwimmlehrer Papa
Väter bringen ihren Kindern das Schwimmen bei. So will es scheinbar das Gesetz. Kein Abend im Aquawede ohne die Väter, die ihre beschwimmflügelten Leibesfrüchte zu Wasser lassen. War bei mir damals auch so. Papa lehrt schwimmen. Und ist voller Stolz, wenn der Bademeister das Seepferdchen ausgibt. Welches Mutti dann annähen muss.

Kategorie 4: Der Albatros
Ich habe einen Badeanzug. Und zwei Handtücher. Fertig. Der Albatros hat mindestens Schwimmbrille und stromlinienförmige Badekappe (die er vielleicht mit Vaseline einschmiert, bevor er ins Wasser köppert). Wenn ich mal nah genug dran komme, werde ich mal kontrollieren, ob seine Beine besser rasiert sind als meine. Der Profi- Albatros hat zusätzlich noch mindestens eine Nasenklammer. Letzte Woche habe ich sogar einen mit Schnorchel gesehen.

Ein Nachwuchsalbatros hat von mir den Namen „Aquawedewalross“ bekommen. Walross ist hier nicht despektierlich gemeint. Aber der Schäuzer ließe NDR Antje erblassen. Im Wasser ziehen sich die Oberlippenhaare bis ans Kinn. Da seine Nase (natürlich) eine Nasenklammer trägt, wird er wohl durch die Haut atmen. Zusätzlich zum Schnäuzer hat er auch sonst eine beachtliche Haarpracht. Nur nicht auf dem Kopf. Mit einer Komplettrasur könnte er noch den ein oder anderen km/h rausholen. Er ist auf jeden Fall sehr engagiert und zielstrebig. Muss er sein, wenn er mit den anderen stromlinienförmigen Hardlinern mithalten will. Umso mehr ärgert es ihn, wenn er überholt wird.

Kategorie 5: Ich
Ich kann nicht kraulen. Nicht mehr als zwei Züge. Dann drohe ich zu ersticken, auch ohne Oberlippenbart bis zum Kinn. Diese Koordination aus links, rechts, Füße UND atmen ist technisch nicht möglich, wenn man so ein Körperklaus ist wie ich. Rückenschwimmen macht mir Angst. Nicht sehen, wo es langgeht, finde ich unheimlich. Und da ich kein eingebautes Echolot habe, lasse ich es einfach. Ich beherrsche auch keine Kraulwende. Sollte ich jemals wieder eine praktizieren müssen, dann nur mit Integralhelm. Das wäre ein ganz nützliches Accessoire. Solange man damit aber als Freak abgestempelt wird, ziehe ich lieber ohne meine Bahnen. Ohne Nasenklammer, ohne Brille und ohne Schnorchel. Und wenn ich das Aquawede Walross dann wieder überhole, liegt es bestimmt daran, dass meine Beine rasiert sind.

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Ein Kommentar zu “Aquawedistan

  1. airsign sagt:

    Ich vermisse den Opa, der auf dem Rücken schwimmend so eine Art Rücken-Brustschwimmen veranstaltet, aber so, dass er dafür mindestens zwei Bahnen für sich beansprucht.

    Gefällt mir

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