Formular A38

Der erste Mann meiner Mutter kam aus Kanada. Nach seinem Aufenthalt in Deutschland hat er der Legende nach gesagt, er würde eine Stempelfabrik eröffnen, so er sich in diesem Land niederließe. Hätte er mal machen sollen. Er säße vielleicht jetzt in einem Geldspeicher und würde sich mit Geldscheinen handgerollte Zigarren anzünden.
Zitate wie „Von der Wiege bis zur Bahre: Formulare, Formulare“ sind leider wahrer als lustig. Und hier und heute ist der Moment gekommen, in dem ich mich oute:

Ich bin Behördenlegastheniker. Durch und durch. Von Geburt an. Chronisch und akut zugleich. Meine Ablage heißt Schuhkarton. Würde ich meine Steuererklärung ohne Hilfe machen, teilte ich mir wahrscheinlich mit Uli Hoeneß eine Zelle. Ich kann es einfach nicht. Ich bekomme schon Panikattacken, wenn sich ein Brief mit Fensterumschlag in meinem Briefkasten befindet, und ich freue mich, wenn es nur Werbung von unitymedia ist.
Ich konnte mehrere Wochen keine Überweisungen online tätigen, weil ich diesen Brief der Sparkasse übersehen hatte, der mich auf das neue TAN Verfahren hinwies. Er schlummerte wahrscheinlich zwischen real Prospekten und unitymedia Werbung auf einem Haufen, Oder in einem Schuhkarton. Vielleicht wusste ich auch einfach nichts damit anzufangen und habe ihn achselzuckend in der Ablage P entsorgt. Alles möglich.
Wenn ich früher bei meinen Eltern anrief und ankündigte: „Ich komme am Wochenende und bringe den Bafög Antrag mit!“ wurde es am anderen Ende der Leitung stumm. Sehr stumm. Wenn ich da war und diesen Stapel Papier (der eine eigene ISBN Nummer verdient hätte) in den Händen hielt, hieß es Geduld und Contenance bewahren. Mein Beamtenvater, der sein ganzes Leben in Leitz Ordnern und Excel Tabellen katalogisierte, traf auf Miss Schuhkarton, Mehr muss ich wohl nicht sagen.
Wenn ich heute ein Schreiben bekomme, mit dem ich nichts anfangen kann (das sind mehr als ihr vielleicht denkt), nehme ich den Brief mit zur Arbeit und frage die kaufmännisch ausgebildeten Kollegen. Dabei will ich keine genauen Erklärungen, um was es sich handelt. Ich will einzig eine Antwort auf die Frage: „Kann ich das wegschmeißen? Wenn nicht, was muss ich jetzt machen?“ Klare Anweisungen. Das ist das Geheimnis. Wenn irgendein Schreiben ankommt, muss sich ein Lückentext darin befinden, den ich ausfüllen muss. Mit Deadline. „Hier bitte Name, Datum, Dings und Bums eintragen. Bis zum xx.xx.. Sonst passiert etwas ganz Schlimmes.“ Dann geht’s. Da kann ich mit um.
Ebenso sollte drinstehen „Bitte nicht wegschmeißen!“. Oder ein Farbcode: Wichtige Schreiben immer auf neongelbem Papier. Dann findet man die Schlingel auch bei der Steuererklärung. Amateure!

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