Gräfin Ännes Original Soundtrack

Ich kann mir nicht besonders gut Namen und Gesichter merken. Vor allem nicht richtig miteinander kombiniert. Wenn ich euch irgendwann mal mit „Ey, Du!“ anspreche, dann seid bitte nicht sauer. Den engsten Kreis bringe ich auf die Reihe. „Mutter“ krieg ich hin. Auch die Menschen, die ich seit der ersten Klasse kenne, sind mir inzwischen größtenteils geläufig. Ansonsten ist mein Gehirn synaptisch einfach nicht gut in der Lage, diese beiden Informationen miteinander zu verknüpfen.

Ganz anders verhält es sich da bei Musik. In der Zeitschrift „NEON“ gibt es eine Rubrik, in der mehr oder weniger Prominente Menschen den Soundtrack ihres Lebens veröffentlichen. Manchmal sind das Lieblingssongs, manchmal aber auch Songs, die an irgendein Ereignis erinnern. Letzteres kriegt mein Gehirn ganz wunderbar hin.
Wenn ich heute irgendeinen Song aus dem Jahr 1983 höre (von Mike Oldfields „Moonlight Shadow“ bis hin zu Rose Laurens‘ „Africa“), habe ich sofort den Geruch von gegrillten Mettwürstchen aus dem Schrebergarten von damals in der Nase. Ja, damals wurde noch Geräuchertes gegrillt, und es schmeckte ganz hervorragend. Während die Nachbarn rechts grillten, spielten die Nachbarn links den ganzen Tag „Mensch ärger‘ dich nicht“. Und die damals 5-jährige Gräfin durfte manchmal mitspielen, während Radio Luxemburg eben Rod Steward und die Eurythmics spielte. WDR 2 hören ist heute also immer ein Ausflug in den Ruhrgebietsschrebergarten von damals.

In der Grundschule war ich (wie sich das gehört) Nena- Fan. Zumindest musikalisch. Stirnbänder waren nix für mich und die Achseln musste ich mir damals noch nicht rasieren. Später hatte dann einer aus der Straße eine Kassette von den Ärzten. Natürlich keine originale, sondern eine überklebte und überspielte Benjamin Blümchen Kassette. Diese Kassette kopierte ich mir. Seitdem sind die alten Ärztesongs auf Ewig mit a) dem Spielplatz in unserer Straße und b) mit dem Unterton von Benjamin und Otto, der durch die Qualität der Aufnahme im Hintergrund leise mit lief, verknüpft. Bademeister Paul funktioniert bei mir nicht ohne „Töröö“. Unwiderruflich im Hirn eingebrannt.

Später wurde ich dann etwas cooler und hörte Guns ’n Roses. Und trug Karohemden. Und rauchte. Und trank Dosenbier. Ich glaube, ich habe zwei Jahre am Stück ausschließlich Guns ’n Roses gehört. Trotzdem kann ich mich noch sehr gut erinnern, dass im Hintergrund Alex Christensens „U96“ lief, als ich eine Überdosis Feigling auf einer Scheunenparty in den 90ern in einem Gebüsch entsorgte. Zum Glück läuft das selten im Radio. Aber wenn, entwickelt mein Körper sofort erhöhten Speichelfluss.

Wenn man einmal was falsches gegessen hat, isst man das nie wieder. So die Legende. Musik funktioniert bei mir da genauso. Das schwarze Album von Metallica habe ich bestimmt 10 Jahre lang nicht gehört, weil genau das lief, als das erste Mal mit mir Schluss gemacht wurde. Und so wie ich nie wieder Feigling getrunken habe, kam auch das Album auf die rote Liste. Bis heute. Obwohl ich mich an den Schlussmacher nur noch schemenhaft erinnern kann.

Ein anderer Teenagerfreund stellte mir ein Mixtape zusammen (sowas Romantisches hat man damals noch gemacht), welches ich drei Wochen lang im Englandurlaub im Walkman mit mir herum trug. Wenn ich heute Social Distortion oder Korn höre, drängt sich sofort der Gedanke an diesen Urlaub auf. Direkt denke ich an die schlimmen Mixed Pickles Labberbrötchen und die selbstgemischte Cola aus den Lunchpaketen und das lustige Haus unserer Gastfamilie.

Vor einigen Monaten habe ich mir eine Abi- Playlist zusammen gestellt. Sie besteht zu 80% aus Bad Religion, garniert mit dem Green Day Album „Dookie“ und Skunk Anansie. Sofort assoziiere ich sämtliche Oberstufenpartys und diverse Dialoge mit meiner Mutter „Bei dem Krach kann doch kein Mensch für’s Abitur lernen!! Was ist denn das bloß?“- „Life of Agony, Mutter!“- „Ja, so klingt’s auch!“
Robbie Williams, George Michael, Oasis und die Spice Girls: Stufenfahrt nach London 1997! Das dauert keine Nanosekunde, schon spielt mein Hirn mir einen Streich und katapultiert mich in irgendein Museum oder einen Pub (meistens Letzteres, da will ich ehrlich sein).

Mein Gehirn kann Musik nicht von Ereignissen trennen, nicht machbar. Mein Gedächtnis ist so exorbitant schlecht, dass ich jetzt schon nicht mehr weiß, was ich heute morgen gefrühstückt habe, aber ich weiß jetzt noch ganz genau, welcher Song im Radio lief, als ich mein Seepferdchenabzeichen mit nach Hause gebracht habe. Das ist nicht unbedingt ein Geschenk, macht es doch einige Bands für die Zukunft nicht mehr hörbar, wenn die Ereignisse eben nicht gerade angenehm waren. Das schwarze Album kann ich da verkraften. Rage against the Maschine tat da schon mehr weh (ja, das hat mir auch mal jemand verdorben). In homöopathischen Dosen habe ich mich da wieder herangetastet, bis der Kloß im Hals irgendwann klein genug war. Man soll ja direkt wieder aufsteigen, wenn man vom Pferd fällt.

Wenn ihr also vorhabt, mich in nächster Zeit so richtig zu ärgern, dann tut mir den Gefallen und sucht euch eine musikalische Untermalung aus, die zu verkraften ist. Irgendwas, wo ich ohnehin das Radio ausschalte. H- Blockx oder Rosenstolz oder so. Das würde ich sehr begrüßen!

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