Die Gräfin und die Ameise

Früher gab es jeden Samstag Taschengeld. Das hielt meistens bis Samstag nachmittag. Bis dahin hatte ich es mehr oder weniger gewinnbringend angelegt. In Wunderbälle zum Beispiel. Oder Saure Gurken. Manchmal auch in das neue YPS Heft. Ich gebe zu, es handelte sich hier eher um weniger gewinnbringende Anlagen. Aber wie sagte schon (der in letzter Zeit über alle Maßen zitierte) Altkanzler Schmidt: „Ich teile die Menschheit in drei Kategorien ein: Wir normalen Menschen, die irgendwann in ihrer Jugend Äpfel geklaut haben; die zweite hat eine kleine kriminelle Ader, und die dritte besteht aus Investmentbankern.“

Ich gehöre wohl zur ersten Kategorie. Zumindest definitiv nicht zur letzten. Ich investiere seit jeher in Dinge, die meinem Amusement dienlich sind. Fast ausschließlich. Da kommt es mir auf ne Mark fuffzich auch nicht an. Geizig werde ich, wenn ich Staubsaugerbeutel kaufen muss. Oder Rasierklingen. (Das SIND aber auch Halsabschneider!).

Ansonsten zucke ich nicht einmal mit der Wimper, wenn ich Konzertkarten kaufe, meinen Deckel bezahle oder einen Einkaufsbummel in diversen Internetshops mache. Ich habe keine Ahnung, wo mein sauer verdientes Geld so hinplätschert, aber es ist mir tatsächlich auch ziemlich egal. Solange der Bankautomat noch surrt und mir meine Karte wieder gibt, ist alles im grünen Bereich.

Da ich das Glück habe, einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen, die über dem Mindestlohn liegt, sind zum Glück auch die Zeiten vorbei, in denen regelmäßig diese kleinen Briefe von der Sparkasse, liebevoll „Rückbuchung“ genannt, im Briefkasten landeten. Das war auch schon mal anders. Im Studium war wenigstens noch jeder zweite für meine Mitbewohnerin, in den ersten Berufsjahren wohnte ich alleine. Da war jeder Sparkassenbrief im Kasten für mich. Gut, dann gab’s halt ne Weile Tütensuppe.

Peter Zwegat hat seine Flipchart zum Glück bisher noch nicht in meinem Wohnzimmer aufgebaut und kopfschüttelnd über meinen Unterlagen gestanden und „Mann Mann Mann“ gemurmelt. Das mag auch daran liegen, dass ich bisher immer nur einen Handyvertrag hatte, keinen Porsche finanziert habe und ich in Manolo Blahniks nicht laufen kann. Meine Investitionen sind eher klein und zahlreich.

Hinzu kommt, dass mich Geld auch einfach nicht interessiert. Solange es da ist. Dann wird es einfach schnell ausgegeben. Auf den Kopp gehauen. Kommt ja bald neues. Und diese Fabel von der Grille und der Ameise habe ich auch eher indifferent gesehen. Ist ja alles schön und gut mit der Körnersammelei für den Winter, aber den Sommer über ein bisschen die Sau rauslassen und den lieben Gott mal ’n guten Mann sein lassen, ist ja nun auch nicht das Schlechteste. Und die Ameise hätte auch ganz schön sparsam (1a Wortspiel übrigens) geguckt, wenn sie kurz vor Wintereinbruch in einen Köder gelaufen wäre. Da kann sie noch so viel Zeugs in ihrem Speicher haben, das letzte Ameisenhemd hat eben auch keine Taschen. Und da wir glücklicherweise a) keine Ameisen sind und b) in einer Art Sozialstaat leben, der auch was für Grillen übrig hat, die den ganzen Sommer Geige gespielt haben, sind meine Existenzängste gering genug, um alles zu verjubeln, was ich habe.
Früher habe ich manchmal einen Teil (einen sehr geringen Teil) ins Sparschwein geworfen, wenn ich mir etwas Größeres kaufen wollte. Eine neue Barbie zum Beispiel. Oder eine Hörspielkassette. Nun wüsste ich konkret gerade nicht, worauf ich sparen sollte. Meine Diamantensammlung ist komplett und mein Fuhrpark muss auch derzeit nicht erweitert werden. Für ’ne Yacht gibt es in Bielefeld zuwenig Wasser und bis auf die zwei Katermäuler, muss ich auch keine weiteren stopfen.
Ich spare auf andere Art. Kürzlich erwarb ich eine Handtasche für fünfzig Euro, die vorher 200 gekostet hatte und folgenden Dialog hervorbrachte:

„Ich habe ja jetzt 150,- gespart, die kann ich ja dieses Wochenende aufn Kopp hauen, oder?“

„Unbedingt. Und wenn du nicht raus gehst, musst du dir davon Computerspiele oder Blue Rays kaufen.“

„Gut. Und wenn es nicht reicht, kaufe ich mir einfach NOCH eine Tasche, dann sind’s schon 300,-, die ich gespart habe.“

„Ja. Und genau deshalb kommen wir auf keinen grünen Zweig!“

Möglich. Aber will ich auf irgendeinen grünen Zweig? Will ich einen Geldspeicher im Keller haben? Oder ist Verjubeln vielleicht doch die bessere Alternative? Und in Zeiten, in denen man im Winter nicht verhungert, oder man sich bei einer wohlwollenden Ameise einquartieren muss, lebt es sich ja nun auch deutlich entspannter als von Aesop geschrieben.

Ich muss zumindest keine Angst haben, irgendwann Opfer einer Entführung zu werden. In meinen Geldspeicher bricht auch kein halbwegs vernünftiger Mensch ein. Und ich finde es auch sehr entspannt, mit Freunden nicht über die 26 Cent zu diskutieren, die der eine dem anderen noch schuldig ist. Da bin ich doch recht sozialistisch veranlagt.

Und ich erspare mir zudem das Rechnen. Das kann ich nämlich auch nicht. Und wenn alle Stricke reißen, hoffe ich dann wahrscheinlich doch auf eine freundliche Ameise. Oder auf eine, die genauso wenig rechnen kann wie ich.

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2 Kommentare zu “Die Gräfin und die Ameise

  1. airsign sagt:

    Ich bin genauso wie du. Deshalb werde ich auch nie ein Haus besitzen und unsre Kleine wird niemals studieren können. Der einzige Unterschied: Ich habe meine 2 DM Taschengeld in die Bravo (1,70) und in Süßigkeiten 🍭 (30 Pf.) investiert. Mein Pocketsparbuch war von jeher immer leer. 😢

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  2. airsign sagt:

    Und wenn ich jetzt Geld finden würde würde ich einfach noch mehr Klamotten und Schuhe kaufen und ständig in den Urlaub fahren. 😁

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