„Seid doch endlich mal gemütlich!“

Bielefeld. Meller Straße. Halb sechs. Zwei Verkehrsteilnehmer tauschen lebhaft ihre Ansichten zur Straßenverkehrsordnung aus. Ich kann nicht genau ausmachen, wer von beiden jetzt das „blinde Arschloch“ und wer „der rücksichtslose Spinner“ ist, der „keine Ahnung und keine Augen im Kopp“ hat, dafür habe ich den Anfang der Geschehnisse leider verpasst. Außerdem ist es um diese Zeit schon recht dunkel, so dass nur die Weihnachtsbaumbeleuchtung vom gegenüberliegenden Parkhaus etwas atmosphärisches Licht in diese Inszenierung bringt.

Hach ja, der Advent ist schon eine schöne besinnliche Zeit. Alle kommen mal etwas zur Ruhe und haben sich gegenseitig lieb.

Gefälligst!

Schon meine Omma unterband früher jede Meinungsverschiedenheit oder jede nicht ganz politisch korrekte Äußerung mit den Worten: „Na! Es ist doch Advent!“

Achso. Ja, stimmt. Da war ja was. Advent. Da soll man ja total guter Dinge sein.
Advent. Das ist ja die Zeit, in der ich 4 Wochen kalte Füße hinter mir und 8 Wochen kalte Füße vor mir habe. Das ist der Monat, in dem ich bei Dunkelheit zur Arbeit fahre und bei völliger Dunkelheit nach Hause komme.
Zu dieser Zeit kann man die Innenstadt nicht betreten, ohne zuvor einen Selbstverteidigungs- oder mindestens einen Yoga-Kurs absolviert zu haben.

Advent heißt auch: „Ach du scheiße, das Jahr ist ja bald um, alle Firmen machen Betriebsferien, da müssen wir aber vorher noch alles fertig arbeiten!“ Wobei wir in diesem Fall meistens ihr bedeutet. Advent heißt nämlich auch, dass man Kollegen und Vorgesetzten schon „Schöne Weihnachten und nen guten Rutsch!“ wünscht, wenn die Allerheiligengestecke noch auf den Friedhöfen liegen.

Bevor hier jetzt falsche Verdächtigungen aufkommen: Ich finde Weihnachten nicht schlimm. Ich habe zwei Tage frei, wie käme ich darauf, dies zu kritisieren? Ich schimpfe ja auch nicht über den 1.Mai. Oder den Tag der deutschen Einheit. Alles gut. Weihnachten olé olé. Trotz meiner 20 jährigen Tätigkeit im Einzelhandel (achduscheißebinichalt) finde ich auch Lichterketten und Weihnachtstüddelütt nicht schlimm. Ich mag Zimt und Mandarinen und ich toleriere Menschen, die Glühwein trinken. Ich habe Kekse gebacken und mir sogar einen Weihnachtsbaum gekauft. Am ersten Advent habe ich eine Kerze angezündet und „Actually Love“ geguckt. Gehört sich so.
Warum ich jetzt aber netter oder weniger nett, besinnlich, gemütlich oder festlich gestimmt sein soll, erschließt sich mir noch nicht. Okay, im LIDL gibt es jetzt getrüffelte Leberwurst und die leckere Meersalzbutter. Und im Fernsehen laufen wieder die Hoppenstedts. Das kommt mir gut zu Pass. Darüber hinaus fällt mir nicht viel ein, was mich jetzt aktuell besinnlich stimmen könnte. Und das, obwohl ich mich nicht einmal nachts im Bett wälze und grübel, was ich noch an Geschenken zu besorgen habe. Schenken finde ich ganz okay. Fast noch besser als beschenkt werden. Das liegt vielleicht an den Kindheitserinnerungen an die jährlichen Frottee Schlafanzüge von Omma. („Naja, passt halbwegs, die Hose kneift etwas unter den Armen.“- „Achwas, da wächst du noch rein!“). An sich sind Geschenke okay. In beide Richtungen. Solange man sie nicht an einem verkaufsoffenenen Sonntag oder einem Adventssamstag bei Douglas, Christ oder Thalia besorgen muss. Zusammen mit Fantastilliarden Menschen aus dem Umland. („Irmgard, wenn wir uns verlieren, wir treffen uns beim Posaunenchor!!“)
Weihnachten schockt mich nicht, es macht mir keine Angst, aber es macht eben auch nicht das Gegenteil. Ich bin am 25.12. genauso gemütlich, besinnlich, nett, misanthropisch, liebenswert und unleidlich wie am 16.7. Nur nicht so unausgeschlafen vielleicht.

Aber ich habe ja auch gut Reden. Ich erwarte keinen Besuch von 15 Personen im glitzernden P&C Abendkleid, die sich alle hassen und die kommenden 2 Tage nur streiten werden. Ich muss keinen SUV mit Weihnachtseinkäufen füllen und in meiner Badewanne schwimmt auch nicht schon seit Wochen ein Karpfen (was nicht in erster Linie daran liegt, dass ich keine Badewanne besitze), dem ich am 23.12. die Organe entfernen muss, nachdem ich ihm ein Nudelholz auf den Kopf gehauen habe.

Meine Weihnachtsvorbereitungen sind nämlich bereits abgeschlossen. Ich habe eine Kiste Bier gekauft. Für die Gemütlichkeit.