Fettlösekraft

Kennt ihr das, wenn euch irgendwer irgendwann den Floh ins Ohr setzt, sich noch einen Burger vom schottischen Schnellrestaurant zu holen? Den Gedanken an Cheeseburger bekommt ihr nicht mehr weg. Wie ein Ohrwurm. Zwischendurch ist er kurz leise, aber bei der nächsten Gelegenheit: Zack! Da bin ich wieder. Dein leckerer Burger mit dem Geschmack nach Kindheit. Das kann sich über Wochen ziehen. Bevor ich hier ins Detail gehe: Ihr wisst was ich meine. Es ist jetzt nicht so Mia Farrow mäßig, man steht ja nicht mit ’nem rohen Stück Fleisch an der Spüle. Aber man freut sich doch, wenn man am nächsten Morgen noch einen Jackentaschenwärmer in Form eines Cheeseburgers in der Garderobe vom Vorabend findet.

Vor einiger Zeit hatte ich diesen Hunger auf Hähnchenhaut. Ging nicht weg. Kam immer wieder. Hähnchen gegessen (mit Pommes natürlich). Thema durch.

Hat man mal. Geht wieder vorbei. Aber eben das war nicht immer so. Es ging nicht immer weg. Zumindest nicht lange. Und dann wird es eben schwierig. Und dann wird man auch natürlich irgendwann etwas ungehalten. Und unzufrieden. Und ungerecht. Und unleidlich. Und überhaupt insgesamt sehr viel „un“.
Keine Beherrschung. Eine unbequeme Schublade, in die man sich da setzt und von Innen selbst zu zieht.
Stimmt. Keine Beherrschung.
Wie die Leute, die rauchen, Bier trinken, oder besoffen ständig an Frauen oder Männern rumgraben müssen (oder beides). Wie diejenigen, die zu nah am Wasser gebaut sind, oder in Diskussionen gerne mal die Nerven verlieren. Wie diejenigen, die schon wieder an der Kruste am Knie geknibbelt haben oder schon wieder am Pickel rumdrücken mussten. Oder wie diejenigen, die schon wieder unbedingt gucken mussten, ob irgendwer irgendwann online war oder die Nachricht schon gelesen wurde. Wie derjenige, der das Handy des Partners kontrolliert, „weil es da gerade ganz prominent lag und dann was ganz zufällig was aufpoppte“. „Noch EINE Runde Candy Crush. Und danach noch eine Folge „Breaking Bad“. Genau.

Zusammenreißen. Ahja. Gut, mache ich.
Das erste Mal ungefähr vor zwanzig Jahren. Mal weniger Quatsch essen. Mal zusammenreißen. So eine Gurke ist ganz lecker. Auch ohne Salz. Und wenn man Wackelpudding mit Süßstoff anrührt, dann schmeckt der zwar nicht, sieht aber genauso lustig aus. Immerhin. „Und irgendwann kann man sich ja zur Belohnung mal was gönnen.“.

Das ist voll schlau. Ich höre auf zu rauchen, und belohne mich dafür mit einer neuen Schachtel Zigaretten. Mache ich jeden Morgen so. Ich werde den Verdacht nicht los, dass ich deshalb vielleicht auch einfach noch nicht damit aufgehört habe.
In Fachkreisen nennt man das Yoyo Effekt (und ja, unter Rauchern gibt es den auch, gut, dass ich noch nie ernsthaft aufgehört habe).

Man ist aber auch immer inkonsequent! Da hat man doch tatsächlich auf dem Geburtstag wie alle anderen Anwesenden auch diese furchtbar ungesunde Bratwurst gegessen. Mit Ketchup auch noch! Da isst man eine Woche Wackelpudding mit Süßstoff und dann hat man den Salat (ohne Dressing). Dann ist es jetzt eh egal. Das wird wohl scheinbar nix mehr. Aber ich nehme es mir vor. Fest. Andere schaffen das ja auch, sich von Wattebäuschen und Zitronensaft zu ernähren. Kleiner gemischter Salat ohne Öl. Fertig aus. Voll lecker. Motto: „Ich mag ja total gerne Gemüse aus dem Dampfgarer.“

Ja. Mag ich auch. Aber ich mag eben auch andere Dinge. Zum Beispiel Käse. Ich trinke auch gerne Milch und finde auch Brot ganz gut. Und das Allerschlimmste: Ich mag auch Fleisch, Schokolade und Kartoffelchips. Und Erdnussflips. Und Butter mit Meersalz. Wie eigentlich die meisten Menschen.

Lyrisch gesprochen, ernährte ich mich also die letzten Jahre von Wattebäuschen und Kartoffelchips. Im Wechsel. Weil dieses Belohnungszentrum im Gehirn verflixt nachtragend ist. Und ein viel besseres Gedächtnis hat als ich. Und meins hat dazu noch einen ziemlich fiesen Charakter. Spielt sich ständig in den Vordergrund und verhält sich ständig wie ne beleidigte Leberwurst (oh, Leberwurst. Gute Idee).

Immerhin kann man irgendwann in dem Zahlenbereich der empfohlenen Kalorienzufuhr ganz gut Kopfrechnen. Und ernährungsphysiologisch glänzt man irgendwann auch mit Fachwissen, wenn man jedes Enzym der internationalen Flora und Fauna hinsichtlich seiner Wirkung kennt. (An dieser Stelle auch nochmal herzlichen Dank an „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“).

„Wenn ich erstmal dünn bin, dann ist alles nicht mehr „un“, dann ist alles wieder richtig.“ (vgl. „If I was a rich girl„)

Das ist natürlich Quatsch. In diesem Fall ist die Frage, ob erst Huhn oder Ei zugegen waren, nämlich erstaunlich einfach zu beantworten: Es ist bereits alles gut. Somit kann ich eigentlich auch getrost dünn werden. Ja, es ist am Ende so einfach. Genauso einfach wie es da steht. Der Weg dahin, nunja, der ist vielleicht nur so mittel. Muss man nicht dauernd haben. Aber man wächst ja an seinen Aufgaben. Auch wenn man mir das nicht so ansieht. Ich wachse mehr unauffällig. Nach Innen.

Aber ich schweife ab. Dem ein oder anderen aus meinem persönlichen Umfeld wird sicherlich nicht entgangen sein, dass ich mich in den letzten Monaten etwas verschmälert habe. Oder es geht euch auch wie mir und ihr merkt sowas erst, wenn ihr mit der Nase drauf gestoßen werdet wie jetzt. Mir fällt nämlich auch nicht auf, ob euer Haar immer schütterer wird, oder ihr gerade vom Naserichten kommt. Nicht, weil ich ignorant bin, sondern weil ich auf sowas tatsächlich einfach in den meisten Fällen nicht achte. Dafür merke ich aber meistens, ob ihr gute oder schlechte Laune habt. Ist ja auch hin und wieder von Vorteil.

Nunja. Mir ist es auf jeden Fall irgendwann aufgefallen. Irgendwie war irgendwas anders. Eines Abends bemerkte ich, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, und ich es nicht einmal gemerkt hatte. Obwohl ich einen ganz normalen Tagesablauf hinter mir hatte. Ich stand nicht an irgendeinem Bierstand oder vor einer Festivalbühne. Ich saß an keinem Strand, befand mich in keiner abenteuerlichen Liebesbeziehung, in der man sich gegenseitig in Ketten legte; und um mein Leben musste ich auch an diesem Tag mal wieder zum Glück keine Angst haben. Keine Geiselnahme. Kein Erdbeben. Alles wie immer. Aber irgendwie eben doch nicht.

Die Tatsache, nichts gegessen zu haben, war jetzt gar nicht mal was Besonderes. Das passierte schonmal. Wenn ich unterwegs war. Wenn ich es mir vorgenommen hatte (Wattebauschzeit!). Wenn ich nix Passendes da hatte.

Dass ich nicht dran gedacht habe, DAS war neu. Und dann fiel mir auf, dass ich auch die vergangenen Tage irgendwie verhältnismäßig asketisch gelebt hatte.

Hm. Nanu.

Ich bin einfach morgens aufgestanden, habe irgendwas gemacht, was ich auch sonst immer machte. Wahrscheinlich bin ich einfach ins Büro gefahren, habe mit ein paar Leuten gesprochen, mit anderen sonstwie kommuniziert und so vor mich hingeatmet. Ich habe mir die Haare gekämmt und die Schuhe zugebunden. Wie man das so macht. Bestimmt habe ich ein paar Emails geschrieben. Vielleicht habe ich auch mal was Lustiges gesagt. Oder was Intelligentes. Oder was total Bescheuertes. Ich will nicht ausschließen, dass ich mir sogar eine Hose angezogen habe. Und frische Socken.

Und dann knurrte mir irgendwann abends der Magen. Wie der eben so knurrt wenn man hungrig ist. Irgendwas werde ich wohl gegessen haben. Irgendwas, worauf ich gerade Lust hatte. Und was gerade da war.

So einfach war das.

Unspektakulär. Kein viel heraufbeschworener „Klick“ im Kopf. Kein Trainingsprogramm mit Detlef D! Soost (welches Recht der überhaupt hat, einen „sexy“ machen zu können, erschließt sich mir übrigens auch nicht). Keinen Abnehmblog zur Selbstanfeuerung. Keine App. Keine Facebook Challenge. Keine Kur, nix mit Dinkel. Keine Vorsätze. Ja, nichtmal einen Hashtag! Einfach ein ganz normaler Tag. Auf den einfach noch mehr ganz normale Tage folgten. So wie heute.
Man kann nicht wie beim Rauchen einfach für Immer aufhören zu essen (zum Glück!) Aber man kann vielleicht aufhören, sich damit für irgendetwas zu belohnen. Oder zu entschädigen.
Und gerade fällt mir ein, dass ich noch Eis im Kühlfach habe. Das hatte ich total vergessen.

Brittas Buddelhose

An Karfreitag fahre ich in die Heimat und besuche Familie und Freunde. So will es das Gesetz. In diesem Jahr verhielt sich auch das Wetter wie es sich für einen Karfreitag in Westfalen gehört: Nass. Das sollte natürlich mein Patenkind (~3,45 Jahre alt) nicht davon abhalten, den Sandkasten umzugraben. Gerne sollte ich bei diesem Bauprojekt mitmachen. Ich war jedoch in dem Moment leider mit Biertrinken und Bratwurstwenden voll ausgelastet und konterte: „Geht leider nicht. Ich hab meine Buddelhose nicht dabei!“. Das Kind sah mich verständnislos an. „Wie kann man denn bei dem Wetter auch bitte ohne Buddelhose aus dem Haus gehen?“, las ich in dem Blick.

Zurecht. Je länger ich drüber nachdenke, desto mehr drängt sich mir die Frage auf, wieso ich eigentlich keine Buddelhose mein Eigen nenne. Oder weiter gedacht: Wieso hört bei Größe 140 die Produktion von Buddelhosen einfach auf?
So schön meine Kindheit auch war, eine Buddelhose hätte sie sicher deutlich aufwerten können. Leider hatte die Textilindustrie der 80er Jahre genug mit Stirnbändern und Overalls zu tun.
Buddelhosen Fehlanzeige. Da konnte Mutti des Abends eine lehmverkrustete Jeans von der Tochter meißeln und in die gute Miele werfen.
Im Sommer musste ich vor Betreten des Hauses unter den Gardena- Schlauch. Brunnenwasser. Ihr wisst wahrscheinlich was das heißt? Genau:
Mein Vater kärcherte mich mit Wasser im einstelligen Temperaturbereich ab. Die Bekleidung kam direkt in eine Wanne und wurde irgendwie gewaschen. Oder verbrannt. Ich weiß es nicht mehr genau.
Nach der Schule wurden auf jeden Fall die „guten Sachen“ ausgezogen („gut“ hieß hier „mehr oder weniger sauber und ohne durchgescheuerte Knie“) und dann ging es raus. „Regnet nicht, ihr könnt draußen spielen!“. Die Definition von Regen wurde von meiner Mutter festgelegt und war, nunja, häufig durch eigene Interessen subjektiv gefärbt. Ungefähr bis zur siebten Klasse sahen so meine Nachmittage aus.
Glücklicherweise musste ich weder Klavier noch Altgriechisch lernen, somit hatte ich Zeit, Bäche umzuleiten, Gräben zu Graben, kleine Flüsse zu stauen und Buden zu bauen. Wenn die Laternen angingen, stieg ein kleiner Golem auf sein 20er Fahrrad und der Dreck, der nicht auf dem Radweg freiwillig abfiel, wurde dann eben zu Hause wie oben beschrieben bekämpft.
Ein paar Kinder in meinem Umfeld hatten es da nicht so leicht. „Nee, ich darf mich nicht dreckig machen, ich hab den neuen Oilily Pulli an, dann gibt’s Mecker von Mutti.“ Tjanun. „Dann stör‘ hier aber nicht die Mottkeproduktion für den Staudamm, wir haben zu tun!“
Meine Eltern ertrugen das alles.
Sie ertrugen auch den Tag meiner Erstkommunion (jaha, ich habe ein paar Sakramente erhalten, bevor ich die Vereinsmitgliedschaft kündigte), als meine Cousine und ich die Weltidee hatten, zwischen Messe am Morgen und Andacht am Nachmittag einen großen Haufen Mutterboden umzupflügen. Selbstverständlich ohne Kommunionkleid.
Dies musste allerdings hektisch wieder übergeworfen werden, als es zurück in die Kirche ging. In der saß ich dann auch. Mit schwarzen Armen und schwarzen Beinen. Darüber das weiße Kleid. Ich wurde nicht exkommuniziert. Aber meine Eltern haben sich damals ein wenig geschämt.

Zurück zur Buddelhose. Die könnte ich zu einigen Gelegenheiten sehr gut gebrauchen. Abgesehen davon, dass ich auch heute bestimmt noch Freude an Schlamm und Mottke hätte, sind zum Beispiel Festivals oder andere Draußenveranstaltungen mit Regen absolut prädestiniert für das Tragen einer solchen. Wer wie ich etwas kleinwüchsig und somit auch kleinbeinig ist, weiß, wie schön sich ein auf dem Boden schluffendes Jeansbein mit Wasser vollsaugen kann. Und dann schwerer wird und weiter auf dem Boden hängt und noch viel nasser wird, bis man komplett auf dem Saum rumläuft. Ihr kennt das.
Mit einer Buddelhose könnte ich auch demnächst mit dem Patensohn den Sandkasten umgraben. Ohne, dass Mutti abends schimpft.
Das tat sie nämlich dieses Jahr Karsamstag am Morgen. Weil ich meine Schuhe nicht ausgezogen hatte. Und einmal durch das ganze Haus spaziert bin, bevor ich sie schließlich neben dem Bett auszog.
Ich bin bis heute froh, dass sie mich nicht nachts dabei erwischt hat. Es war Karfreitag wirklich verdammt kalt. Auf jeden Fall zu kalt für eine Gardena Dusche im Garten. Man muss auch mal Glück haben.