Brittas Buddelhose

An Karfreitag fahre ich in die Heimat und besuche Familie und Freunde. So will es das Gesetz. In diesem Jahr verhielt sich auch das Wetter wie es sich für einen Karfreitag in Westfalen gehört: Nass. Das sollte natürlich mein Patenkind (~3,45 Jahre alt) nicht davon abhalten, den Sandkasten umzugraben. Gerne sollte ich bei diesem Bauprojekt mitmachen. Ich war jedoch in dem Moment leider mit Biertrinken und Bratwurstwenden voll ausgelastet und konterte: „Geht leider nicht. Ich hab meine Buddelhose nicht dabei!“. Das Kind sah mich verständnislos an. „Wie kann man denn bei dem Wetter auch bitte ohne Buddelhose aus dem Haus gehen?“, las ich in dem Blick.

Zurecht. Je länger ich drüber nachdenke, desto mehr drängt sich mir die Frage auf, wieso ich eigentlich keine Buddelhose mein Eigen nenne. Oder weiter gedacht: Wieso hört bei Größe 140 die Produktion von Buddelhosen einfach auf?
So schön meine Kindheit auch war, eine Buddelhose hätte sie sicher deutlich aufwerten können. Leider hatte die Textilindustrie der 80er Jahre genug mit Stirnbändern und Overalls zu tun.
Buddelhosen Fehlanzeige. Da konnte Mutti des Abends eine lehmverkrustete Jeans von der Tochter meißeln und in die gute Miele werfen.
Im Sommer musste ich vor Betreten des Hauses unter den Gardena- Schlauch. Brunnenwasser. Ihr wisst wahrscheinlich was das heißt? Genau:
Mein Vater kärcherte mich mit Wasser im einstelligen Temperaturbereich ab. Die Bekleidung kam direkt in eine Wanne und wurde irgendwie gewaschen. Oder verbrannt. Ich weiß es nicht mehr genau.
Nach der Schule wurden auf jeden Fall die „guten Sachen“ ausgezogen („gut“ hieß hier „mehr oder weniger sauber und ohne durchgescheuerte Knie“) und dann ging es raus. „Regnet nicht, ihr könnt draußen spielen!“. Die Definition von Regen wurde von meiner Mutter festgelegt und war, nunja, häufig durch eigene Interessen subjektiv gefärbt. Ungefähr bis zur siebten Klasse sahen so meine Nachmittage aus.
Glücklicherweise musste ich weder Klavier noch Altgriechisch lernen, somit hatte ich Zeit, Bäche umzuleiten, Gräben zu Graben, kleine Flüsse zu stauen und Buden zu bauen. Wenn die Laternen angingen, stieg ein kleiner Golem auf sein 20er Fahrrad und der Dreck, der nicht auf dem Radweg freiwillig abfiel, wurde dann eben zu Hause wie oben beschrieben bekämpft.
Ein paar Kinder in meinem Umfeld hatten es da nicht so leicht. „Nee, ich darf mich nicht dreckig machen, ich hab den neuen Oilily Pulli an, dann gibt’s Mecker von Mutti.“ Tjanun. „Dann stör‘ hier aber nicht die Mottkeproduktion für den Staudamm, wir haben zu tun!“
Meine Eltern ertrugen das alles.
Sie ertrugen auch den Tag meiner Erstkommunion (jaha, ich habe ein paar Sakramente erhalten, bevor ich die Vereinsmitgliedschaft kündigte), als meine Cousine und ich die Weltidee hatten, zwischen Messe am Morgen und Andacht am Nachmittag einen großen Haufen Mutterboden umzupflügen. Selbstverständlich ohne Kommunionkleid.
Dies musste allerdings hektisch wieder übergeworfen werden, als es zurück in die Kirche ging. In der saß ich dann auch. Mit schwarzen Armen und schwarzen Beinen. Darüber das weiße Kleid. Ich wurde nicht exkommuniziert. Aber meine Eltern haben sich damals ein wenig geschämt.

Zurück zur Buddelhose. Die könnte ich zu einigen Gelegenheiten sehr gut gebrauchen. Abgesehen davon, dass ich auch heute bestimmt noch Freude an Schlamm und Mottke hätte, sind zum Beispiel Festivals oder andere Draußenveranstaltungen mit Regen absolut prädestiniert für das Tragen einer solchen. Wer wie ich etwas kleinwüchsig und somit auch kleinbeinig ist, weiß, wie schön sich ein auf dem Boden schluffendes Jeansbein mit Wasser vollsaugen kann. Und dann schwerer wird und weiter auf dem Boden hängt und noch viel nasser wird, bis man komplett auf dem Saum rumläuft. Ihr kennt das.
Mit einer Buddelhose könnte ich auch demnächst mit dem Patensohn den Sandkasten umgraben. Ohne, dass Mutti abends schimpft.
Das tat sie nämlich dieses Jahr Karsamstag am Morgen. Weil ich meine Schuhe nicht ausgezogen hatte. Und einmal durch das ganze Haus spaziert bin, bevor ich sie schließlich neben dem Bett auszog.
Ich bin bis heute froh, dass sie mich nicht nachts dabei erwischt hat. Es war Karfreitag wirklich verdammt kalt. Auf jeden Fall zu kalt für eine Gardena Dusche im Garten. Man muss auch mal Glück haben.

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3 Kommentare zu “Brittas Buddelhose

  1. LeFronc sagt:

    Ich habe eine gute Nachricht für Dich:
    Es gibt Deine „Buddelhose“ (den Begriff kannte ich übrigens nicht) auch für Erwachsene. Jaha!

    Nennt sich nur nicht so. Weil wohl Wathose irgendwie sauberer klingt.
    Gibts im Anglerbedarf oder im Onlineshop des Vertrauens. 🙂

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  2. airsign sagt:

    Das heißt MATSCHHOSE!

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