Gewinne! Gewinne! Gewinne!

Als ich vorhin nach einer Dienstreise wieder in Bielefeld ankam, führte mich mein erster Weg zum Geldautomaten. Meine Bargeldschaft hatte ich nämlich in Berlin in ein Fischbrötchen und Rixdorfer Fassbrause angelegt. Zurecht.
Der Automat schnatterte gefällig, ich steckte einen Fuchs in mein Geldtäschchen, welches ich in den Rucksack zur Fassbrause steckte.
Da ich auch heute mit schwerem Gepäck unterwegs war (zzgl. Rixdorfer Fassbrause), und zudem die Treppe am Bahnhofs- Boulevard von einem blinden Schimpansen mit einem kaputten Geodreick ingenieurt worden ist und sicherlich ursächlich für einige Hüftdysplasien verantwortlich ist, benutzte ich den Aufzug. So tat auch ein etwa 120 jähriger gepflegter, weißhaariger Mann mit Gehstock, dem ich freundlich den Vortritt ließ und auch für ihn auf den richtigen Knopf drückte, nachdem er zweimal auf die Klingel gepatscht hatte.

Während der Fahrt nach oben erzählte er mir, dass er soeben mit einem Rubbellos für 1,- einen Gewinn von 20.000,- eingestrichen hatte. Da er in gebrochenem Deutsch mit vielleicht polnischem Akzent sprach, fragte ich zweimal nach, ob ich das richtig verstanden hätte.
„Ja, wirklich! Ein Euro, Zwanzichtausend Euro! Ich hab Fotokopie von Los, die machen Überweisung auf Konto, musst ich da sagen alles!“
Dann klaubte er aus einer Brieftasche einen zusammen gefalteten Zettel, der schon etwas verwetzt aussah und hielt ihn mir aufgeregt in der Dunkelheit unter die Nase. Tatsache. 20.000 Euro. Der alte Kauz war offenbar doch ein Glückspilz.
„Ja, Mensch, Glückwunsch! Aber das dürfen Sie doch keinem erzählen! Da müssense schön die Klappe halten, sonst kommen doch alle und wollen was ab haben und dann isses ganz schnell weg!“- „Na und? Was ich soll damit? Will ich doch ausgeben!“
Hm, der tickt ja wie ich. Sympathisches Kerlchen, dachte ich. Scheinbar fand er das auch, denn vor Freude fiel er mir um den Hals und wollte mir Küsschen geben. Hier war mein Tanzabstand nun doch deutlich in Gefahr, worauf ich ihn freundlich aber bestimmt hinwies. Er beließ es dann bei einem Handkuss und fragte mich, ob ich nicht mit ihm feiern gehen wollte. Was ich ebenfalls verneinte. So langsam wurde mir der kleine weißhaarige Kauz nämlich ein bisschen zu kauzig, so dass ich mich schnell von ihm weg jovialte und ihm noch einen schönen Abend wünschte. „Nicht alles sofort verjubeln!“ gab ich ihm noch mit auf den Weg.

Kurz hinterm Zebrastreifen kontrollierte ich mein Gepäck.

Alles da. Portemonnaie, Rixdorfer, Armbanduhr. Nur das Fischbrötchen fehlte, aber das hatte ich etwa Höhe Hannover selbst gegessen, um meine Mitfahrer zu ärgern.

Komische Geschichte. Und je länger ich drüber nachdenke, desto komischer erscheint sie mir. Das Los, bzw die Kopie sah schon echt aus, war aber möglicherweise auch schon einmal im Feinwaschgang in der Miele gewesen. War das seine Masche, damit irgendwelche Menschen sich erbarmen und mit ihm ein Bier trinken gehen? Oder hätte er mir nach nem Gläschen Rotkäppchensekt seinen Stock über den Kopf gezogen? Hängen morgen Plakate in der Stadt mit dem Aufruf
A) „Serienmörder gesucht!“ B)“Hilfloser Rentner aus Pflegeheim vermisst!“ C)“Netter Senior spendet 20.000,- Die Bahnhofsmission sagt Danke!“?
Oder ist man inzwischen einfach völlig bekloppt geworden und wittert überall Gefahren? Hab ich zu viel aktenzeichen xy bei youtube geguckt? Oder zu oft die tagesschau?
Oder lehnt man sich einfach zurück, trinkt ne Rixdorfer Fassbrause und denkt sich, dass vielleicht der kleine Opi wirklich jetzt 20.000,- auf sein Konto überwiesen bekommt?
Ich glaube Letzteres.