Misanthropiephobie

Man mag sie ja nicht mehr so recht lieb haben. Die Menschheit an sich. Mit dieser Spezies hat die Evolution echt mal einen Bock geschossen. Nicht zu Ende gedacht.
Auf solche Gedanken kann man schon hin und wieder mal kommen. Wenn man die Nachrichten guckt. Oder im Supermarkt gepellte Mandarinen in einer Plastikbox verkauft werden. Oder wenn einem wieder so ein Arschloch die Einfahrt zuparkt.

„Können Sie vielleicht noch ne Kasse aufmachen?“ nölt hinter mir ein Typ in meinem Alter. Vor mir sind zwei Kunden. (Okay, wird schon seine Gründe haben. Der hat’s bestimmt einfach eilig. Vielleicht hat er Durchfall und muss schnell neues Klopapier kaufen.) Er kauft eine Flasche Cola und ne Packung Paderborner Landbrot. Wohl doch kein Durchfall. Schade.

Leider kein Einzelfall, wenn ich Eduard Zimmermann zitieren darf.
Die zeternde Großfamilie in der Straßenbahn oder der Vollidiot, der sich beim Konzert direkt vor deine Nase stellt. Und sich dann einen Zylinder aufsetzt. Manche schließt man irgendwie nicht direkt ins Herz.
Hinzu kommt natürlich, dass man das aktuelle Weltgeschehen auch nicht gerade als clever durchdacht bezeichnen kann. Tiervideos bei YouTube sind dieser Tage doch irgendwie oft die bessere Abendunterhaltung als die tagesschau.
Und da ich ja (powered by google) leichte Hypochondrie mein Eigen nenne, fühle ich mich nun der Gefahr ausgesetzt, misanthropische Züge zu entwickeln. Nun ist ja ein Augenrollen hin und wieder noch keine Misanthropie nach DIN oder Pschyrembel, aber wer weiß, ob ich da nicht noch was ausbrüte.
Um dem entgegen zu wirken, sollte ich vielleicht mal Prävention betreiben. Sie sind ja gar nicht alle bescheuert.
In meinem Umfeld (sozusagen in der real life Filterblase) sind sowieso nur die Coolen. Jedenfalls keine, die anderen ungefragt an die Geschlechtsteile fassen oder sonstwie kopfschüttelnswert wären. Und sowohl die Frau an der Kasse als auch die beiden Kunden vor mir fanden den Typen genauso unangenehm wie ich. Einer grinste mich sogar an, als er mich beim Augenrollen erwischte. Dumm halt, dass man sich an die nicht mehr erinnert. Die Bekloppten bleiben länger im Gedächtnis. Auch da hat Mutter Natur irgendwo einen Bug eingebaut. Aber ich versuche jetzt einfach mal, ihr ein Schnippchen zu schlagen. Statistisch gesehen begegnen mir nämlich täglich mehr von den Coolen. An Tagen, an denen ich es drauf anlege, ist die Quote sogar beeindruckend hoch.
Da sollte die Gefahr, der Misanthropie anheim zu fallen schon mal geringer sein. Und wenn man ehrlich ist, war der Hermesbote auch nett, der am gestrigen Sonntag geklingelt hat, weil er ein Paket für den Nachbarn abgeben wollte. Und heute morgen in der Stadt hat mir jemand die Tür aufgehalten. Es haben mir mehrere Personen einen schönen Tag gewünscht und ein paar haben das vielleicht sogar auch ernst gemeint.

Vielleicht muss ich mir also doch keine Sorgen machen, bald Schopenhauers BFF zu werden.
Sind ja gar nicht alle bescheuert. Vielleicht bin ich ja sogar immun dagegen. Kann ja schließlich sein. Es kann aber auch sein, dass es an der Taranteldoku liegt, die ich eben geguckt habe.

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Fettlösekraft

Kennt ihr das, wenn euch irgendwer irgendwann den Floh ins Ohr setzt, sich noch einen Burger vom schottischen Schnellrestaurant zu holen? Den Gedanken an Cheeseburger bekommt ihr nicht mehr weg. Wie ein Ohrwurm. Zwischendurch ist er kurz leise, aber bei der nächsten Gelegenheit: Zack! Da bin ich wieder. Dein leckerer Burger mit dem Geschmack nach Kindheit. Das kann sich über Wochen ziehen. Bevor ich hier ins Detail gehe: Ihr wisst was ich meine. Es ist jetzt nicht so Mia Farrow mäßig, man steht ja nicht mit ’nem rohen Stück Fleisch an der Spüle. Aber man freut sich doch, wenn man am nächsten Morgen noch einen Jackentaschenwärmer in Form eines Cheeseburgers in der Garderobe vom Vorabend findet.

Vor einiger Zeit hatte ich diesen Hunger auf Hähnchenhaut. Ging nicht weg. Kam immer wieder. Hähnchen gegessen (mit Pommes natürlich). Thema durch.

Hat man mal. Geht wieder vorbei. Aber eben das war nicht immer so. Es ging nicht immer weg. Zumindest nicht lange. Und dann wird es eben schwierig. Und dann wird man auch natürlich irgendwann etwas ungehalten. Und unzufrieden. Und ungerecht. Und unleidlich. Und überhaupt insgesamt sehr viel „un“.
Keine Beherrschung. Eine unbequeme Schublade, in die man sich da setzt und von Innen selbst zu zieht.
Stimmt. Keine Beherrschung.
Wie die Leute, die rauchen, Bier trinken, oder besoffen ständig an Frauen oder Männern rumgraben müssen (oder beides). Wie diejenigen, die zu nah am Wasser gebaut sind, oder in Diskussionen gerne mal die Nerven verlieren. Wie diejenigen, die schon wieder an der Kruste am Knie geknibbelt haben oder schon wieder am Pickel rumdrücken mussten. Oder wie diejenigen, die schon wieder unbedingt gucken mussten, ob irgendwer irgendwann online war oder die Nachricht schon gelesen wurde. Wie derjenige, der das Handy des Partners kontrolliert, „weil es da gerade ganz prominent lag und dann was ganz zufällig was aufpoppte“. „Noch EINE Runde Candy Crush. Und danach noch eine Folge „Breaking Bad“. Genau.

Zusammenreißen. Ahja. Gut, mache ich.
Das erste Mal ungefähr vor zwanzig Jahren. Mal weniger Quatsch essen. Mal zusammenreißen. So eine Gurke ist ganz lecker. Auch ohne Salz. Und wenn man Wackelpudding mit Süßstoff anrührt, dann schmeckt der zwar nicht, sieht aber genauso lustig aus. Immerhin. „Und irgendwann kann man sich ja zur Belohnung mal was gönnen.“.

Das ist voll schlau. Ich höre auf zu rauchen, und belohne mich dafür mit einer neuen Schachtel Zigaretten. Mache ich jeden Morgen so. Ich werde den Verdacht nicht los, dass ich deshalb vielleicht auch einfach noch nicht damit aufgehört habe.
In Fachkreisen nennt man das Yoyo Effekt (und ja, unter Rauchern gibt es den auch, gut, dass ich noch nie ernsthaft aufgehört habe).

Man ist aber auch immer inkonsequent! Da hat man doch tatsächlich auf dem Geburtstag wie alle anderen Anwesenden auch diese furchtbar ungesunde Bratwurst gegessen. Mit Ketchup auch noch! Da isst man eine Woche Wackelpudding mit Süßstoff und dann hat man den Salat (ohne Dressing). Dann ist es jetzt eh egal. Das wird wohl scheinbar nix mehr. Aber ich nehme es mir vor. Fest. Andere schaffen das ja auch, sich von Wattebäuschen und Zitronensaft zu ernähren. Kleiner gemischter Salat ohne Öl. Fertig aus. Voll lecker. Motto: „Ich mag ja total gerne Gemüse aus dem Dampfgarer.“

Ja. Mag ich auch. Aber ich mag eben auch andere Dinge. Zum Beispiel Käse. Ich trinke auch gerne Milch und finde auch Brot ganz gut. Und das Allerschlimmste: Ich mag auch Fleisch, Schokolade und Kartoffelchips. Und Erdnussflips. Und Butter mit Meersalz. Wie eigentlich die meisten Menschen.

Lyrisch gesprochen, ernährte ich mich also die letzten Jahre von Wattebäuschen und Kartoffelchips. Im Wechsel. Weil dieses Belohnungszentrum im Gehirn verflixt nachtragend ist. Und ein viel besseres Gedächtnis hat als ich. Und meins hat dazu noch einen ziemlich fiesen Charakter. Spielt sich ständig in den Vordergrund und verhält sich ständig wie ne beleidigte Leberwurst (oh, Leberwurst. Gute Idee).

Immerhin kann man irgendwann in dem Zahlenbereich der empfohlenen Kalorienzufuhr ganz gut Kopfrechnen. Und ernährungsphysiologisch glänzt man irgendwann auch mit Fachwissen, wenn man jedes Enzym der internationalen Flora und Fauna hinsichtlich seiner Wirkung kennt. (An dieser Stelle auch nochmal herzlichen Dank an „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“).

„Wenn ich erstmal dünn bin, dann ist alles nicht mehr „un“, dann ist alles wieder richtig.“ (vgl. „If I was a rich girl„)

Das ist natürlich Quatsch. In diesem Fall ist die Frage, ob erst Huhn oder Ei zugegen waren, nämlich erstaunlich einfach zu beantworten: Es ist bereits alles gut. Somit kann ich eigentlich auch getrost dünn werden. Ja, es ist am Ende so einfach. Genauso einfach wie es da steht. Der Weg dahin, nunja, der ist vielleicht nur so mittel. Muss man nicht dauernd haben. Aber man wächst ja an seinen Aufgaben. Auch wenn man mir das nicht so ansieht. Ich wachse mehr unauffällig. Nach Innen.

Aber ich schweife ab. Dem ein oder anderen aus meinem persönlichen Umfeld wird sicherlich nicht entgangen sein, dass ich mich in den letzten Monaten etwas verschmälert habe. Oder es geht euch auch wie mir und ihr merkt sowas erst, wenn ihr mit der Nase drauf gestoßen werdet wie jetzt. Mir fällt nämlich auch nicht auf, ob euer Haar immer schütterer wird, oder ihr gerade vom Naserichten kommt. Nicht, weil ich ignorant bin, sondern weil ich auf sowas tatsächlich einfach in den meisten Fällen nicht achte. Dafür merke ich aber meistens, ob ihr gute oder schlechte Laune habt. Ist ja auch hin und wieder von Vorteil.

Nunja. Mir ist es auf jeden Fall irgendwann aufgefallen. Irgendwie war irgendwas anders. Eines Abends bemerkte ich, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, und ich es nicht einmal gemerkt hatte. Obwohl ich einen ganz normalen Tagesablauf hinter mir hatte. Ich stand nicht an irgendeinem Bierstand oder vor einer Festivalbühne. Ich saß an keinem Strand, befand mich in keiner abenteuerlichen Liebesbeziehung, in der man sich gegenseitig in Ketten legte; und um mein Leben musste ich auch an diesem Tag mal wieder zum Glück keine Angst haben. Keine Geiselnahme. Kein Erdbeben. Alles wie immer. Aber irgendwie eben doch nicht.

Die Tatsache, nichts gegessen zu haben, war jetzt gar nicht mal was Besonderes. Das passierte schonmal. Wenn ich unterwegs war. Wenn ich es mir vorgenommen hatte (Wattebauschzeit!). Wenn ich nix Passendes da hatte.

Dass ich nicht dran gedacht habe, DAS war neu. Und dann fiel mir auf, dass ich auch die vergangenen Tage irgendwie verhältnismäßig asketisch gelebt hatte.

Hm. Nanu.

Ich bin einfach morgens aufgestanden, habe irgendwas gemacht, was ich auch sonst immer machte. Wahrscheinlich bin ich einfach ins Büro gefahren, habe mit ein paar Leuten gesprochen, mit anderen sonstwie kommuniziert und so vor mich hingeatmet. Ich habe mir die Haare gekämmt und die Schuhe zugebunden. Wie man das so macht. Bestimmt habe ich ein paar Emails geschrieben. Vielleicht habe ich auch mal was Lustiges gesagt. Oder was Intelligentes. Oder was total Bescheuertes. Ich will nicht ausschließen, dass ich mir sogar eine Hose angezogen habe. Und frische Socken.

Und dann knurrte mir irgendwann abends der Magen. Wie der eben so knurrt wenn man hungrig ist. Irgendwas werde ich wohl gegessen haben. Irgendwas, worauf ich gerade Lust hatte. Und was gerade da war.

So einfach war das.

Unspektakulär. Kein viel heraufbeschworener „Klick“ im Kopf. Kein Trainingsprogramm mit Detlef D! Soost (welches Recht der überhaupt hat, einen „sexy“ machen zu können, erschließt sich mir übrigens auch nicht). Keinen Abnehmblog zur Selbstanfeuerung. Keine App. Keine Facebook Challenge. Keine Kur, nix mit Dinkel. Keine Vorsätze. Ja, nichtmal einen Hashtag! Einfach ein ganz normaler Tag. Auf den einfach noch mehr ganz normale Tage folgten. So wie heute.
Man kann nicht wie beim Rauchen einfach für Immer aufhören zu essen (zum Glück!) Aber man kann vielleicht aufhören, sich damit für irgendetwas zu belohnen. Oder zu entschädigen.
Und gerade fällt mir ein, dass ich noch Eis im Kühlfach habe. Das hatte ich total vergessen.

Rassisten?

Sie werfen Brandsätze auf Häuser.

Sie johlen und grölen, wenn Polizisten Gewalt gegenüber Menschen ausüben.

Sie haben Angst vor dem Untergang des Abendlandes.

Sie wollen nicht, dass ihre Kinder zusammen mit Kindern aus anderen Ländern in die Schule gehen. Sie haben Angst, dass das Martinsfest bald Lichterfest genannt werden muss.

Sie finden, dass man den Flüchtlingen schon helfen muss, wenn es wirklich echte Flüchtlinge sind. Aber doch nicht ausgerechnet direkt bei ihnen in der Straße.

Sie finden, dass man alle sofort zurück schicken muss, wenn sie irgendwie kriminell werden.

All das sagen sie auch öffentlich. Schließlich ist hier ja Meinungsfreiheit. Toll, so eine Demokratie. So facettenreich diese Menschen sind, so viele Abstufungen auf der Skala von schwarz bis weiß gibt es. Eines haben sie aber alle gemeinsam: Sie sind auf gar keinen Fall Nazis!

Rassisten? Nee, das sind wir nicht. Wir sind ja alle total unpolitisch. Wir haben noch nie gewählt, damit können wir das beweisen. Wir haben uns schließlich auch sonst nie politisch geäußert. Und jetzt reicht das eben auch mal.Weil die (die wir weder gewählt noch nicht gewählt haben), sich ja nicht für uns interessieren. Und deshalb haben wir jetzt den Salat. Jahrelang habe ich auf dem Sofa gesessen und mir das angesehen. Nu is gut. Das hat ja jetzt nichts mit Rassismus zu tun.

Ähm. Doch! Und ihr müsst auch gar nicht so eine Angst vor diesem Begriff haben. Es gibt vielleicht nicht „den Rassisten“. Naja, vielleicht gab es ihn mal. Aber der is ja nu hin. Rassistische Handlungen, die gibt es sehr wohl. Und es gibt rassistische Gedanken. Und es gibt rassistische Sprache. So kann man das vielleicht aufclustern. Und wenn man es zusammensetzt, dann entsteht da etwas sehr Gefährliches.

Etwas, das mir ganz schön Angst macht. Aber ich bin ja auch in den Augen vieler ein Gutmensch. Einer der sich immer noch dafür entschuldigt, dass sein Großvater zufällig in eine falsche Generation hereingeboren ist. Vielleicht verstehe ich das deshalb nur nicht.

Gräfins Tagebuch

Zum ersten Mal kam ich in Kontakt mit dem Thema „Rassismus“ als ich in der Grundschule war. Da behandelten wir nämlich in Sachkunde Antisemitismus als unsere Rektorin erklärte, warum in unserer OmaOpaGeneration Menschen gab, die einen Mann namens Hitler gut fanden, welcher wiederum ganz viele Menschen umbringen ließ. Das fand ich merkwürdig. Das sollte jemand gut finden? Menschen umbringen? Ich wusste damals, dass mein Opa mal ganz viele Jahre in Russland eingesperrt war, weil er damals, als er so alt war wie mein Vater, in einen Krieg musste. Weil das alle mussten. Weil einer Krieg machen wollte, der Hitler hieß. Mein Opa fand den bestimmt nicht gut.

Dann wurde uns erklärt, dass man damals eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, nämlich die Juden, vorher ganz langsam von allen Sachen ausgegrenzt hatte. Man sollte dort nicht mehr kaufen. Sie durften nicht mehr schwimmen gehen. Sie durften nur noch zu bestimmten Zeiten bestimmte Gegenden betreten. Und weil man denen das auf den ersten Blick nicht ansah, mussten sie sich einen Stern aufnähen, damit man sie sofort erkannt hat. Das fand ich komisch. Ich kannte eine Jüdin. Unsere Nachbarin hatte einen so schönen Nachnamen, weil sie Jüdin sei, hatte meine Mutter mir damals mal gesagt. Die haben oft so schöne Nachnamen. Aha. Und diese Nachbarin, oder deren Mutter durfte also damals nicht in ein Schwimmbad. Weil sie einen schönen Nachnamen hatte. Andere Gründe vielen mir damals nicht dazu ein. Das geht mir bis heute so.
Wie kann man denn Leute gegen eine Gruppe zu aufbringen, dass sie da mitmachen?

Später sollte uns das dann ein paar Jahrgangsstufen weiter ein Buch namens „Die Welle“ erklären. Da sollte man sich auf ein Spiel einlassen, irgendwen einfach nur so doof zu finden, wenn er sich nicht einer Gruppe anschloss und dies auch nach Außen präsentierte. Mit nem weißen Hemd glaube ich. Das soll dann in dem Buch am Ende total eskaliert sein. Ja, okay. Isja n Buch. Macht ja in Wirklichkeit keiner. In Wirklichkeit hätte der Direktor das ja sofort abgebrochen und gesagt, dass jetzt auch mal wieder Schluss ist mit dem Quatsch.

Ja, das wäre wohl so. Weil wir wissen, dass es so eskalieren kann. Weil das Thema so brisant ist. Vielleicht auch, weil sonst die Nazikeule droht. Die öffentliche Meinung würde sich wohl überschlagen, wenn heutzutage ein Lehrer an einer deutschen Schule irgendwelche komischen Projekttage mit seltsamen Experimenten machen würde. Ein Glück, dass das so ist. Das würde der nicht lange machen können. Eine solche Katastrophe gäbe es hier also nicht. Eben weil es die andere Katastrophe gegeben hat. Die eben noch viel unbegreiflicher war. Da war es kein Buch. Sondern Realität. Da hat man es nicht gestoppt, als es eskalierte. Eine ganz große Gruppe von Menschen hatte sich auf so ein Spielchen eingelassen, irgendwen einfach so auszugrenzen. Am Anfang. Bis man sich Gründe dafür gesucht hat, damit es einem leichter fiel.
An meiner Grundschule gab es ein paar blöde Witze über Türken. Alltagsrassismus nennt man das heutzutage wohl. Für mich waren damals Türken von Klein auf allgegenwärtig. Das waren die Kinder, von denen Oma und Opa in einem anderen Land wohnten. Die fuhren deshalb in den Sommerferien immer die komplette Zeit am Stück in die Türkei. Und weil die Oma in der Türkei anders kochte als wir hier, gab es bei denen zu Hause manchmal leckere Sachen mit Honig zu essen. Sie waren damals hier hergezogen, weil Deutschland dringend Arbeitskräfte gesucht hat, und deshalb gutes Gehalt gezahlt hat. Da haben sich einige überlegt, die Chance zu nutzen und sind ausgewandert. So wie meine Mama damals. Die ist für ein paar Jahre nach Kanada gezogen.

Auch da wurde mir irgendwann klar, dass es Leute gab, die das anders sahen als ich. Die fanden Türken doof. Irgendwer fand die Eltern von der aus meiner Kindergartengruppe doof. Einfach so. Und vielleicht auch diejenige aus der Kindergartengruppe selbst. Dabei war die voll nett. Und hatte total cooles Spielzeug. Warum sollte man die denn doof finden?
Vielleicht gab es da auch mal so ein Experiment wie bei „Die Welle“ und hat nicht nach weißem Hemd, sondern nach Haarfarbe sortiert? Und irgendwann hatte man dann sogar Angst vor schwarzen Haaren? Weil man es so lange eingetrichtert bekommen hat. Entstehen so rechte Gesinnungen? Wäre ich (oder meine Eltern) damals auch Bestandteil so einer Gruppe gewesen, hätte ich mit der vielleicht nie gespielt.

Über zwanzig Jahre später habe ich ein Vielfaches an historischem und politischem Hintergrundwissen mehr, aber die Kernfrage bleibt unbeantwortet für mich. Wie kommt so ein Hass zustande? Gegen einen Menschen, den man noch nie in seinem Leben gesehen hat?

Weil man sich einer Gruppe angeschlossen hat, die bestimmte Kriterien in Ihren Statuten stehen hat, weswegen man die doof finden muss. Und deshalb freut man sich über jede Eigenschaft, jedes Verhalten, jede Situation, die das bestätigt. Damit man was hat zum Rechtfertigen, warum man bei denen mitmacht. Dieses „Handbuch zur Rechtfertigung in Diskussionen“ gibt man natürlich gerne an seinen Nächsten weiter. Der soll sich ja auch zu helfen wissen. Und der nächste auch. So vergrößert sich nach und nach die Gruppe von Leuten, die die Argumente in Diskussionen ganz schlüssig fanden. Und da kann es ja auch mal passieren, dass man die Geschichte nicht jedes mal genau gleich erzählt. Oder was weglässt. Oder was ergänzt. So entsteht Stimmung. Da freut man sich doch über jede an sich schlechte Nachricht, die einem noch ein paar Argumente mehr liefert. Die Bürgerwehren, die da gerade auf den Straßen rumrandalieren, und mich beschützen wollen, hätten sich vor ein paar Wochen noch darüber gefreut, wenn mir das in Köln passiert wäre. „Seht ihr? Wir haben Recht. Macht bei uns mit, die anderen machen ja nix dagegen!“

Mir macht diese Stimmung Angst.
Mir macht es Angst, dass überall komische Geschichten kursieren, die immer hanebüchener werden und je nach Tagesfreizeit die Kommentarspalten und manche facebook Timeline explodieren lassen.
Mir macht es Angst, dass es immer mehr werden, die die Geschichten glauben und verbreiten.
Mir macht die Angst der Menschen Angst. Vor Menschen, die sie nicht kennen. So wie keiner meine Kindergartenfreundin kannte. Oder unsere Nachbarin, die damals nicht schwimmen lernen durfte.

„Seid doch endlich mal gemütlich!“

Bielefeld. Meller Straße. Halb sechs. Zwei Verkehrsteilnehmer tauschen lebhaft ihre Ansichten zur Straßenverkehrsordnung aus. Ich kann nicht genau ausmachen, wer von beiden jetzt das „blinde Arschloch“ und wer „der rücksichtslose Spinner“ ist, der „keine Ahnung und keine Augen im Kopp“ hat, dafür habe ich den Anfang der Geschehnisse leider verpasst. Außerdem ist es um diese Zeit schon recht dunkel, so dass nur die Weihnachtsbaumbeleuchtung vom gegenüberliegenden Parkhaus etwas atmosphärisches Licht in diese Inszenierung bringt.

Hach ja, der Advent ist schon eine schöne besinnliche Zeit. Alle kommen mal etwas zur Ruhe und haben sich gegenseitig lieb.

Gefälligst!

Schon meine Omma unterband früher jede Meinungsverschiedenheit oder jede nicht ganz politisch korrekte Äußerung mit den Worten: „Na! Es ist doch Advent!“

Achso. Ja, stimmt. Da war ja was. Advent. Da soll man ja total guter Dinge sein.
Advent. Das ist ja die Zeit, in der ich 4 Wochen kalte Füße hinter mir und 8 Wochen kalte Füße vor mir habe. Das ist der Monat, in dem ich bei Dunkelheit zur Arbeit fahre und bei völliger Dunkelheit nach Hause komme.
Zu dieser Zeit kann man die Innenstadt nicht betreten, ohne zuvor einen Selbstverteidigungs- oder mindestens einen Yoga-Kurs absolviert zu haben.

Advent heißt auch: „Ach du scheiße, das Jahr ist ja bald um, alle Firmen machen Betriebsferien, da müssen wir aber vorher noch alles fertig arbeiten!“ Wobei wir in diesem Fall meistens ihr bedeutet. Advent heißt nämlich auch, dass man Kollegen und Vorgesetzten schon „Schöne Weihnachten und nen guten Rutsch!“ wünscht, wenn die Allerheiligengestecke noch auf den Friedhöfen liegen.

Bevor hier jetzt falsche Verdächtigungen aufkommen: Ich finde Weihnachten nicht schlimm. Ich habe zwei Tage frei, wie käme ich darauf, dies zu kritisieren? Ich schimpfe ja auch nicht über den 1.Mai. Oder den Tag der deutschen Einheit. Alles gut. Weihnachten olé olé. Trotz meiner 20 jährigen Tätigkeit im Einzelhandel (achduscheißebinichalt) finde ich auch Lichterketten und Weihnachtstüddelütt nicht schlimm. Ich mag Zimt und Mandarinen und ich toleriere Menschen, die Glühwein trinken. Ich habe Kekse gebacken und mir sogar einen Weihnachtsbaum gekauft. Am ersten Advent habe ich eine Kerze angezündet und „Actually Love“ geguckt. Gehört sich so.
Warum ich jetzt aber netter oder weniger nett, besinnlich, gemütlich oder festlich gestimmt sein soll, erschließt sich mir noch nicht. Okay, im LIDL gibt es jetzt getrüffelte Leberwurst und die leckere Meersalzbutter. Und im Fernsehen laufen wieder die Hoppenstedts. Das kommt mir gut zu Pass. Darüber hinaus fällt mir nicht viel ein, was mich jetzt aktuell besinnlich stimmen könnte. Und das, obwohl ich mich nicht einmal nachts im Bett wälze und grübel, was ich noch an Geschenken zu besorgen habe. Schenken finde ich ganz okay. Fast noch besser als beschenkt werden. Das liegt vielleicht an den Kindheitserinnerungen an die jährlichen Frottee Schlafanzüge von Omma. („Naja, passt halbwegs, die Hose kneift etwas unter den Armen.“- „Achwas, da wächst du noch rein!“). An sich sind Geschenke okay. In beide Richtungen. Solange man sie nicht an einem verkaufsoffenenen Sonntag oder einem Adventssamstag bei Douglas, Christ oder Thalia besorgen muss. Zusammen mit Fantastilliarden Menschen aus dem Umland. („Irmgard, wenn wir uns verlieren, wir treffen uns beim Posaunenchor!!“)
Weihnachten schockt mich nicht, es macht mir keine Angst, aber es macht eben auch nicht das Gegenteil. Ich bin am 25.12. genauso gemütlich, besinnlich, nett, misanthropisch, liebenswert und unleidlich wie am 16.7. Nur nicht so unausgeschlafen vielleicht.

Aber ich habe ja auch gut Reden. Ich erwarte keinen Besuch von 15 Personen im glitzernden P&C Abendkleid, die sich alle hassen und die kommenden 2 Tage nur streiten werden. Ich muss keinen SUV mit Weihnachtseinkäufen füllen und in meiner Badewanne schwimmt auch nicht schon seit Wochen ein Karpfen (was nicht in erster Linie daran liegt, dass ich keine Badewanne besitze), dem ich am 23.12. die Organe entfernen muss, nachdem ich ihm ein Nudelholz auf den Kopf gehauen habe.

Meine Weihnachtsvorbereitungen sind nämlich bereits abgeschlossen. Ich habe eine Kiste Bier gekauft. Für die Gemütlichkeit.

Die Gräfin und die Ameise

Früher gab es jeden Samstag Taschengeld. Das hielt meistens bis Samstag nachmittag. Bis dahin hatte ich es mehr oder weniger gewinnbringend angelegt. In Wunderbälle zum Beispiel. Oder Saure Gurken. Manchmal auch in das neue YPS Heft. Ich gebe zu, es handelte sich hier eher um weniger gewinnbringende Anlagen. Aber wie sagte schon (der in letzter Zeit über alle Maßen zitierte) Altkanzler Schmidt: „Ich teile die Menschheit in drei Kategorien ein: Wir normalen Menschen, die irgendwann in ihrer Jugend Äpfel geklaut haben; die zweite hat eine kleine kriminelle Ader, und die dritte besteht aus Investmentbankern.“

Ich gehöre wohl zur ersten Kategorie. Zumindest definitiv nicht zur letzten. Ich investiere seit jeher in Dinge, die meinem Amusement dienlich sind. Fast ausschließlich. Da kommt es mir auf ne Mark fuffzich auch nicht an. Geizig werde ich, wenn ich Staubsaugerbeutel kaufen muss. Oder Rasierklingen. (Das SIND aber auch Halsabschneider!).

Ansonsten zucke ich nicht einmal mit der Wimper, wenn ich Konzertkarten kaufe, meinen Deckel bezahle oder einen Einkaufsbummel in diversen Internetshops mache. Ich habe keine Ahnung, wo mein sauer verdientes Geld so hinplätschert, aber es ist mir tatsächlich auch ziemlich egal. Solange der Bankautomat noch surrt und mir meine Karte wieder gibt, ist alles im grünen Bereich.

Da ich das Glück habe, einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen, die über dem Mindestlohn liegt, sind zum Glück auch die Zeiten vorbei, in denen regelmäßig diese kleinen Briefe von der Sparkasse, liebevoll „Rückbuchung“ genannt, im Briefkasten landeten. Das war auch schon mal anders. Im Studium war wenigstens noch jeder zweite für meine Mitbewohnerin, in den ersten Berufsjahren wohnte ich alleine. Da war jeder Sparkassenbrief im Kasten für mich. Gut, dann gab’s halt ne Weile Tütensuppe.

Peter Zwegat hat seine Flipchart zum Glück bisher noch nicht in meinem Wohnzimmer aufgebaut und kopfschüttelnd über meinen Unterlagen gestanden und „Mann Mann Mann“ gemurmelt. Das mag auch daran liegen, dass ich bisher immer nur einen Handyvertrag hatte, keinen Porsche finanziert habe und ich in Manolo Blahniks nicht laufen kann. Meine Investitionen sind eher klein und zahlreich.

Hinzu kommt, dass mich Geld auch einfach nicht interessiert. Solange es da ist. Dann wird es einfach schnell ausgegeben. Auf den Kopp gehauen. Kommt ja bald neues. Und diese Fabel von der Grille und der Ameise habe ich auch eher indifferent gesehen. Ist ja alles schön und gut mit der Körnersammelei für den Winter, aber den Sommer über ein bisschen die Sau rauslassen und den lieben Gott mal ’n guten Mann sein lassen, ist ja nun auch nicht das Schlechteste. Und die Ameise hätte auch ganz schön sparsam (1a Wortspiel übrigens) geguckt, wenn sie kurz vor Wintereinbruch in einen Köder gelaufen wäre. Da kann sie noch so viel Zeugs in ihrem Speicher haben, das letzte Ameisenhemd hat eben auch keine Taschen. Und da wir glücklicherweise a) keine Ameisen sind und b) in einer Art Sozialstaat leben, der auch was für Grillen übrig hat, die den ganzen Sommer Geige gespielt haben, sind meine Existenzängste gering genug, um alles zu verjubeln, was ich habe.
Früher habe ich manchmal einen Teil (einen sehr geringen Teil) ins Sparschwein geworfen, wenn ich mir etwas Größeres kaufen wollte. Eine neue Barbie zum Beispiel. Oder eine Hörspielkassette. Nun wüsste ich konkret gerade nicht, worauf ich sparen sollte. Meine Diamantensammlung ist komplett und mein Fuhrpark muss auch derzeit nicht erweitert werden. Für ’ne Yacht gibt es in Bielefeld zuwenig Wasser und bis auf die zwei Katermäuler, muss ich auch keine weiteren stopfen.
Ich spare auf andere Art. Kürzlich erwarb ich eine Handtasche für fünfzig Euro, die vorher 200 gekostet hatte und folgenden Dialog hervorbrachte:

„Ich habe ja jetzt 150,- gespart, die kann ich ja dieses Wochenende aufn Kopp hauen, oder?“

„Unbedingt. Und wenn du nicht raus gehst, musst du dir davon Computerspiele oder Blue Rays kaufen.“

„Gut. Und wenn es nicht reicht, kaufe ich mir einfach NOCH eine Tasche, dann sind’s schon 300,-, die ich gespart habe.“

„Ja. Und genau deshalb kommen wir auf keinen grünen Zweig!“

Möglich. Aber will ich auf irgendeinen grünen Zweig? Will ich einen Geldspeicher im Keller haben? Oder ist Verjubeln vielleicht doch die bessere Alternative? Und in Zeiten, in denen man im Winter nicht verhungert, oder man sich bei einer wohlwollenden Ameise einquartieren muss, lebt es sich ja nun auch deutlich entspannter als von Aesop geschrieben.

Ich muss zumindest keine Angst haben, irgendwann Opfer einer Entführung zu werden. In meinen Geldspeicher bricht auch kein halbwegs vernünftiger Mensch ein. Und ich finde es auch sehr entspannt, mit Freunden nicht über die 26 Cent zu diskutieren, die der eine dem anderen noch schuldig ist. Da bin ich doch recht sozialistisch veranlagt.

Und ich erspare mir zudem das Rechnen. Das kann ich nämlich auch nicht. Und wenn alle Stricke reißen, hoffe ich dann wahrscheinlich doch auf eine freundliche Ameise. Oder auf eine, die genauso wenig rechnen kann wie ich.

Gräfin Ännes Original Soundtrack

Ich kann mir nicht besonders gut Namen und Gesichter merken. Vor allem nicht richtig miteinander kombiniert. Wenn ich euch irgendwann mal mit „Ey, Du!“ anspreche, dann seid bitte nicht sauer. Den engsten Kreis bringe ich auf die Reihe. „Mutter“ krieg ich hin. Auch die Menschen, die ich seit der ersten Klasse kenne, sind mir inzwischen größtenteils geläufig. Ansonsten ist mein Gehirn synaptisch einfach nicht gut in der Lage, diese beiden Informationen miteinander zu verknüpfen.

Ganz anders verhält es sich da bei Musik. In der Zeitschrift „NEON“ gibt es eine Rubrik, in der mehr oder weniger Prominente Menschen den Soundtrack ihres Lebens veröffentlichen. Manchmal sind das Lieblingssongs, manchmal aber auch Songs, die an irgendein Ereignis erinnern. Letzteres kriegt mein Gehirn ganz wunderbar hin.
Wenn ich heute irgendeinen Song aus dem Jahr 1983 höre (von Mike Oldfields „Moonlight Shadow“ bis hin zu Rose Laurens‘ „Africa“), habe ich sofort den Geruch von gegrillten Mettwürstchen aus dem Schrebergarten von damals in der Nase. Ja, damals wurde noch Geräuchertes gegrillt, und es schmeckte ganz hervorragend. Während die Nachbarn rechts grillten, spielten die Nachbarn links den ganzen Tag „Mensch ärger‘ dich nicht“. Und die damals 5-jährige Gräfin durfte manchmal mitspielen, während Radio Luxemburg eben Rod Steward und die Eurythmics spielte. WDR 2 hören ist heute also immer ein Ausflug in den Ruhrgebietsschrebergarten von damals.

In der Grundschule war ich (wie sich das gehört) Nena- Fan. Zumindest musikalisch. Stirnbänder waren nix für mich und die Achseln musste ich mir damals noch nicht rasieren. Später hatte dann einer aus der Straße eine Kassette von den Ärzten. Natürlich keine originale, sondern eine überklebte und überspielte Benjamin Blümchen Kassette. Diese Kassette kopierte ich mir. Seitdem sind die alten Ärztesongs auf Ewig mit a) dem Spielplatz in unserer Straße und b) mit dem Unterton von Benjamin und Otto, der durch die Qualität der Aufnahme im Hintergrund leise mit lief, verknüpft. Bademeister Paul funktioniert bei mir nicht ohne „Töröö“. Unwiderruflich im Hirn eingebrannt.

Später wurde ich dann etwas cooler und hörte Guns ’n Roses. Und trug Karohemden. Und rauchte. Und trank Dosenbier. Ich glaube, ich habe zwei Jahre am Stück ausschließlich Guns ’n Roses gehört. Trotzdem kann ich mich noch sehr gut erinnern, dass im Hintergrund Alex Christensens „U96“ lief, als ich eine Überdosis Feigling auf einer Scheunenparty in den 90ern in einem Gebüsch entsorgte. Zum Glück läuft das selten im Radio. Aber wenn, entwickelt mein Körper sofort erhöhten Speichelfluss.

Wenn man einmal was falsches gegessen hat, isst man das nie wieder. So die Legende. Musik funktioniert bei mir da genauso. Das schwarze Album von Metallica habe ich bestimmt 10 Jahre lang nicht gehört, weil genau das lief, als das erste Mal mit mir Schluss gemacht wurde. Und so wie ich nie wieder Feigling getrunken habe, kam auch das Album auf die rote Liste. Bis heute. Obwohl ich mich an den Schlussmacher nur noch schemenhaft erinnern kann.

Ein anderer Teenagerfreund stellte mir ein Mixtape zusammen (sowas Romantisches hat man damals noch gemacht), welches ich drei Wochen lang im Englandurlaub im Walkman mit mir herum trug. Wenn ich heute Social Distortion oder Korn höre, drängt sich sofort der Gedanke an diesen Urlaub auf. Direkt denke ich an die schlimmen Mixed Pickles Labberbrötchen und die selbstgemischte Cola aus den Lunchpaketen und das lustige Haus unserer Gastfamilie.

Vor einigen Monaten habe ich mir eine Abi- Playlist zusammen gestellt. Sie besteht zu 80% aus Bad Religion, garniert mit dem Green Day Album „Dookie“ und Skunk Anansie. Sofort assoziiere ich sämtliche Oberstufenpartys und diverse Dialoge mit meiner Mutter „Bei dem Krach kann doch kein Mensch für’s Abitur lernen!! Was ist denn das bloß?“- „Life of Agony, Mutter!“- „Ja, so klingt’s auch!“
Robbie Williams, George Michael, Oasis und die Spice Girls: Stufenfahrt nach London 1997! Das dauert keine Nanosekunde, schon spielt mein Hirn mir einen Streich und katapultiert mich in irgendein Museum oder einen Pub (meistens Letzteres, da will ich ehrlich sein).

Mein Gehirn kann Musik nicht von Ereignissen trennen, nicht machbar. Mein Gedächtnis ist so exorbitant schlecht, dass ich jetzt schon nicht mehr weiß, was ich heute morgen gefrühstückt habe, aber ich weiß jetzt noch ganz genau, welcher Song im Radio lief, als ich mein Seepferdchenabzeichen mit nach Hause gebracht habe. Das ist nicht unbedingt ein Geschenk, macht es doch einige Bands für die Zukunft nicht mehr hörbar, wenn die Ereignisse eben nicht gerade angenehm waren. Das schwarze Album kann ich da verkraften. Rage against the Maschine tat da schon mehr weh (ja, das hat mir auch mal jemand verdorben). In homöopathischen Dosen habe ich mich da wieder herangetastet, bis der Kloß im Hals irgendwann klein genug war. Man soll ja direkt wieder aufsteigen, wenn man vom Pferd fällt.

Wenn ihr also vorhabt, mich in nächster Zeit so richtig zu ärgern, dann tut mir den Gefallen und sucht euch eine musikalische Untermalung aus, die zu verkraften ist. Irgendwas, wo ich ohnehin das Radio ausschalte. H- Blockx oder Rosenstolz oder so. Das würde ich sehr begrüßen!