Brittas Buddelhose

An Karfreitag fahre ich in die Heimat und besuche Familie und Freunde. So will es das Gesetz. In diesem Jahr verhielt sich auch das Wetter wie es sich für einen Karfreitag in Westfalen gehört: Nass. Das sollte natürlich mein Patenkind (~3,45 Jahre alt) nicht davon abhalten, den Sandkasten umzugraben. Gerne sollte ich bei diesem Bauprojekt mitmachen. Ich war jedoch in dem Moment leider mit Biertrinken und Bratwurstwenden voll ausgelastet und konterte: „Geht leider nicht. Ich hab meine Buddelhose nicht dabei!“. Das Kind sah mich verständnislos an. „Wie kann man denn bei dem Wetter auch bitte ohne Buddelhose aus dem Haus gehen?“, las ich in dem Blick.

Zurecht. Je länger ich drüber nachdenke, desto mehr drängt sich mir die Frage auf, wieso ich eigentlich keine Buddelhose mein Eigen nenne. Oder weiter gedacht: Wieso hört bei Größe 140 die Produktion von Buddelhosen einfach auf?
So schön meine Kindheit auch war, eine Buddelhose hätte sie sicher deutlich aufwerten können. Leider hatte die Textilindustrie der 80er Jahre genug mit Stirnbändern und Overalls zu tun.
Buddelhosen Fehlanzeige. Da konnte Mutti des Abends eine lehmverkrustete Jeans von der Tochter meißeln und in die gute Miele werfen.
Im Sommer musste ich vor Betreten des Hauses unter den Gardena- Schlauch. Brunnenwasser. Ihr wisst wahrscheinlich was das heißt? Genau:
Mein Vater kärcherte mich mit Wasser im einstelligen Temperaturbereich ab. Die Bekleidung kam direkt in eine Wanne und wurde irgendwie gewaschen. Oder verbrannt. Ich weiß es nicht mehr genau.
Nach der Schule wurden auf jeden Fall die „guten Sachen“ ausgezogen („gut“ hieß hier „mehr oder weniger sauber und ohne durchgescheuerte Knie“) und dann ging es raus. „Regnet nicht, ihr könnt draußen spielen!“. Die Definition von Regen wurde von meiner Mutter festgelegt und war, nunja, häufig durch eigene Interessen subjektiv gefärbt. Ungefähr bis zur siebten Klasse sahen so meine Nachmittage aus.
Glücklicherweise musste ich weder Klavier noch Altgriechisch lernen, somit hatte ich Zeit, Bäche umzuleiten, Gräben zu Graben, kleine Flüsse zu stauen und Buden zu bauen. Wenn die Laternen angingen, stieg ein kleiner Golem auf sein 20er Fahrrad und der Dreck, der nicht auf dem Radweg freiwillig abfiel, wurde dann eben zu Hause wie oben beschrieben bekämpft.
Ein paar Kinder in meinem Umfeld hatten es da nicht so leicht. „Nee, ich darf mich nicht dreckig machen, ich hab den neuen Oilily Pulli an, dann gibt’s Mecker von Mutti.“ Tjanun. „Dann stör‘ hier aber nicht die Mottkeproduktion für den Staudamm, wir haben zu tun!“
Meine Eltern ertrugen das alles.
Sie ertrugen auch den Tag meiner Erstkommunion (jaha, ich habe ein paar Sakramente erhalten, bevor ich die Vereinsmitgliedschaft kündigte), als meine Cousine und ich die Weltidee hatten, zwischen Messe am Morgen und Andacht am Nachmittag einen großen Haufen Mutterboden umzupflügen. Selbstverständlich ohne Kommunionkleid.
Dies musste allerdings hektisch wieder übergeworfen werden, als es zurück in die Kirche ging. In der saß ich dann auch. Mit schwarzen Armen und schwarzen Beinen. Darüber das weiße Kleid. Ich wurde nicht exkommuniziert. Aber meine Eltern haben sich damals ein wenig geschämt.

Zurück zur Buddelhose. Die könnte ich zu einigen Gelegenheiten sehr gut gebrauchen. Abgesehen davon, dass ich auch heute bestimmt noch Freude an Schlamm und Mottke hätte, sind zum Beispiel Festivals oder andere Draußenveranstaltungen mit Regen absolut prädestiniert für das Tragen einer solchen. Wer wie ich etwas kleinwüchsig und somit auch kleinbeinig ist, weiß, wie schön sich ein auf dem Boden schluffendes Jeansbein mit Wasser vollsaugen kann. Und dann schwerer wird und weiter auf dem Boden hängt und noch viel nasser wird, bis man komplett auf dem Saum rumläuft. Ihr kennt das.
Mit einer Buddelhose könnte ich auch demnächst mit dem Patensohn den Sandkasten umgraben. Ohne, dass Mutti abends schimpft.
Das tat sie nämlich dieses Jahr Karsamstag am Morgen. Weil ich meine Schuhe nicht ausgezogen hatte. Und einmal durch das ganze Haus spaziert bin, bevor ich sie schließlich neben dem Bett auszog.
Ich bin bis heute froh, dass sie mich nicht nachts dabei erwischt hat. Es war Karfreitag wirklich verdammt kalt. Auf jeden Fall zu kalt für eine Gardena Dusche im Garten. Man muss auch mal Glück haben.

Mozart privat: 6 Tage Salzburg

Wir fuhren nach Salzburg. Spontan. Weil wir die Reise für jemanden antraten, der nicht konnte. „Kommste mit?“ wurde ich gefragt und ich antwortete „Joo. Warum nicht?“. Zum Glück. Denn:

Salzburg ist eine ganz wunderbare, niedliche, sympathische , vielfältige, entspannte Stadt. Man kann seine Tage dort auf so unterschiedliche Art und Weise verbringen, wie man es wohl in wenigen Städten tun kann. Wenn man will, kann man 6 Tage auf Berge steigen (und wieder hinab), man kann eine Woche lang zwischen Museen und Konzerthäusern hin- und herlaufen. Man kann wahrscheinlich sogar eine ganze Woche im Naturkundemuseum verbringen, und hat immer noch nicht alles gesehen. Man kann auch 6 Tage lang an der Salzach sitzen und Bier trinken.

Haben wir alles gemacht. Kombiniert.

Der große Vorteil Salzburgs ist (abgesehen von der Salzach, die mitten durch die Stadt fließt, als Bielefelder findet man ja jedes Rinnsal super, da ist die Salzach schon High End), dass man so gut wie alles auf Schusters Rappen erreichen kann. Es ist nämlich alles schon klein. Schön nah beieinander. Da wir beide einen sehr schlechten Orientierungssinn haben, kam es uns an der ein oder anderen Stelle größer vor, aber das ist eine andere Geschichte.

Um es nicht unnötig in die Länge zu ziehen, hier also in „Stichis“ meine ganz persönliche Top Ten aus Salzburg:

1_Burgen, Schlösser und Parks
In Salzburg ist die Monarchie noch allgegenwärtig. Prunkvolle Bauten, barocke Gärten und beeindruckende Sakralbauten reihen sich aneinander. Am Domplatz stehen Kutscher. Und die haben nicht einmal adidas Sneaker an, sondern sind traditionell gekleidet. Es ist eine kleine Zeitreise.
Dom, Festung und Schloss Mirabell (bzw. die Gärten am Schloss) sind Pflicht!

2_Mozart
Ich konnte mit der Musik Mozarts nie etwas anfangen. Zu viele Noten. Zu viel Gefiedel. Zu viel Tüdeldü. Das hat sich mit meinem Besuch in Salzburg auch nicht geändert. Aber ich weiß jetzt, wie hochbegabt er gewesen sein muss. Er hat in einem Alter Opern komponiert, als ich noch auf Bäume geklettert bin und „Spaß am Dienstag“ geguckt habe. Naja, jeder muss halt was können. Und er hatte ja auch nicht viel Zeit zum Komponieren, weil er (wie wir ja alle wissen) als Mittdreißiger an „hitzigem Frieselfieber“ starb (ich glaube, das ist der höfische Terminus für ’ne anständige Syphilis, bin aber nicht ganz sicher).
Man kommt an Mozart nicht vorbei, wenn man in Salzburg ist. Er ist allgegenwärtig. Und auch, wenn man die Musik nicht mag, sollte man sich sein Geburtshaus ansehen. Und Mozartkugeln essen. Aber das muss ich nicht extra erwähnen.

3_Apropos Essen
Ich mag nicht nur Mozart nicht, ich mag auch nicht gerne Mehlspeisen. Daher müssen meine kulinarischen Tipps Kaiserschmarrn und Salzburger Nockerln umschiffen. Das müsst ihr bitte selber testen. Ich kann euch nur empfehlen, Käs’spätzle und Schnitzel zu essen. Und was mit Marille. Marille geht immer. Und Bosna. Und diverse Dinge aus Fleisch auf Brötchen. Das können die Österreicher nämlich ziemlich gut. Und Sülze können sie auch. Hab ich mir sagen lassen.

4_Berge
Berge sind immer dann ganz gut, wenn man drauf steht. Sonst wirken sie auf mich ganz schön bedrückend. Ich sehe ganz gerne einen Horizont. Nun liegt Salzburg dummerweise zwischen zwei Bergen, beziehungsweise in einem der beiden sogar drin. Wenn man das weiß, ist das sehr charmant.
Man sollte auf jeden Fall mit der Festungsbahn den Mönchsberg hochfahren. Und dann runter gucken. Am besten von der Stadtalm aus. Das ist ein Erlebnis. Ebenso wie ein Besuch der Festung (unbedingt mit Führung machen!).

5_Märkte
Einheimische trifft man auf Märkten. Deshalb finde ich Märkte gut, um die Kultur eines Landes oder einer Stadt kennen zu lernen. Essen ist schließlich Kultur. Und Salzburg hat eine noch ziemlich ursprüngliche. Gerne hätte ich das schon sehr greise Ehepaar auf dem Schrannenmarkt am Schloss Mirabell fotografiert, welches selbst gebrannten „Zirbenschnaps“ in kleinen, mit Edding beschrifteten Flaschen feil bot. Hab mich aber nicht getraut. Statt dessen haben wir uns lieber ein paar regionale Würstchen schmecken lassen.

6_Schloss Hellbrunn und Zoo
Zoos sind immer gut. Da muss ich nicht viel zu schreiben. Und praktisch ist, dass der Zoo zwar etwas außerhalb, dafür aber direkt neben dem Schloss Hellbrunn liegt. Das kann man wunderbar verbinden und zu einem Tag zusammen fassen. Hellbrunn ist quasi die Neverland Ranch des 17. Jahrhunderts. Unbedingt hin! Am besten, bei schönem Wetter. Und Kleidungsstücke vermeiden, die bei Nässe transparent werden.

7_Bräustüberl
Wer noch nie eine Brauerei besichtigt hat, dem sei die Stiegl Brauwelt ans Herz gelegt. Bestandteil der Salzburg Card (die ich jedem empfehlen würde!) und wirklich anschaulich gemacht und mit viel Enthusiasmus erklärt. Und mit Bier macht man ja per se nicht viel falsch. Das kann man in Salzburg auch gut und reichlich trinken. Zum Beispiel im Augustiner Bräustüberl. Oder auch überall anders.

8_den lieben Gott ’n guten Mann sein lassen
Durch die Gassen spazieren. An der Salzach sitzen. Mit einem Boot über die Salzach fahren. Schlendern. Ein Helles trinken. Auf der Dachterrasse des „Hotel Stein“ über die Stadt gucken und sich einen Sonnenbrand im April holen. Durch die Mirabellgärten schlendern. Und dann auch mal wieder ein Helles trinken. Zum Beispiel an der Salzach.

9_Museen, die überhaupt gar nix mit Salzburg zu tun haben, aber trotzdem ganz zauberhaft und großartig sind.
Wie zum Beispiel das Haus der Natur am Fuße des Mönchsbergs. Unbedingt genug Zeit einplanen. Es gibt viel zu sehen. Und es ist auch alles gut. Wir mussten leider ein Stockwerk auslassen, weil wir uns zeitlich vertüddelt hatten. Im hauseigenen Zoo. Oder im Aquarium. Oder bei den Dinosauriern.Oder bei der Mondlandung. Ich weiß es nicht mehr genau.

Nicht weniger großartig ist das Spielzeugmuseum. Sehr schön für Kinder. Und für uns infantile Mädchen. (Vielleicht hatte Punkt 7 und 8 auch Einfluss auf unsere Begeisterung). Nein, im Ernst. Das Spielzeugmuseum ist wirklich ein Tipp. Interaktiv, informativ und ganz ganz bezaubernd gemacht. Von ausgestellten historischen Spielzeugen (inklusive der detailliertesten Puppenhäuser, die ich je gesehen habe), über selbst zu tätigende Schattenspiele, bis hin zu einer großen Ausstellung zum Thema „Holz“ ist alles dabei.

Eigentlich waren wir nur im Weihnachtsmuseum, weil wir gerade in der Nähe waren. Und wahrscheinlich musste eine von uns Pipi. Und es war ebenfalls Bestandteil der Salzburg Card. Also rein da. Mit Sonnenbrand. Es handelt sich um ein kleines Museum, in dem man sich trotzdem lange aufhalten kann, wenn man möchte. Denn es handelt sich um eine ziemlich einzigartige Sammlung. Christbaumschmuck zur Kaiserzeit und Weihnachtsbäume als Feldpost für die Soldaten an der Front sieht man nicht alle Tage.

10_Souvenirs
Mozartkugeln gibt es ja inzwischen an jeder Ecke, damit lockt man keinen mehr. Natürlich kann man irgendwas kaufen, wo Mozart draufgeklöppelt ist. Es gibt genug.
Darüber hinaus gibt es aber zum Beispiel einen Zotter Schokoladenladen, der alles hat was das Herz begehrt. Mitbringen kann man zudem diverse Spezialitäten vom Schrannenmarkt, Mirabellenkonfitüre, Obstler, irgendwas mit Zirben und natürlich Bier. Unsere Rucksäcke klimperten auf jeden Fall beachtlich, als wir nach 6 wunderbaren Tagen unseren Zug bestiegen, der uns wieder zurück bringen sollte.

Rassisten?

Sie werfen Brandsätze auf Häuser.

Sie johlen und grölen, wenn Polizisten Gewalt gegenüber Menschen ausüben.

Sie haben Angst vor dem Untergang des Abendlandes.

Sie wollen nicht, dass ihre Kinder zusammen mit Kindern aus anderen Ländern in die Schule gehen. Sie haben Angst, dass das Martinsfest bald Lichterfest genannt werden muss.

Sie finden, dass man den Flüchtlingen schon helfen muss, wenn es wirklich echte Flüchtlinge sind. Aber doch nicht ausgerechnet direkt bei ihnen in der Straße.

Sie finden, dass man alle sofort zurück schicken muss, wenn sie irgendwie kriminell werden.

All das sagen sie auch öffentlich. Schließlich ist hier ja Meinungsfreiheit. Toll, so eine Demokratie. So facettenreich diese Menschen sind, so viele Abstufungen auf der Skala von schwarz bis weiß gibt es. Eines haben sie aber alle gemeinsam: Sie sind auf gar keinen Fall Nazis!

Rassisten? Nee, das sind wir nicht. Wir sind ja alle total unpolitisch. Wir haben noch nie gewählt, damit können wir das beweisen. Wir haben uns schließlich auch sonst nie politisch geäußert. Und jetzt reicht das eben auch mal.Weil die (die wir weder gewählt noch nicht gewählt haben), sich ja nicht für uns interessieren. Und deshalb haben wir jetzt den Salat. Jahrelang habe ich auf dem Sofa gesessen und mir das angesehen. Nu is gut. Das hat ja jetzt nichts mit Rassismus zu tun.

Ähm. Doch! Und ihr müsst auch gar nicht so eine Angst vor diesem Begriff haben. Es gibt vielleicht nicht „den Rassisten“. Naja, vielleicht gab es ihn mal. Aber der is ja nu hin. Rassistische Handlungen, die gibt es sehr wohl. Und es gibt rassistische Gedanken. Und es gibt rassistische Sprache. So kann man das vielleicht aufclustern. Und wenn man es zusammensetzt, dann entsteht da etwas sehr Gefährliches.

Etwas, das mir ganz schön Angst macht. Aber ich bin ja auch in den Augen vieler ein Gutmensch. Einer der sich immer noch dafür entschuldigt, dass sein Großvater zufällig in eine falsche Generation hereingeboren ist. Vielleicht verstehe ich das deshalb nur nicht.

Zu Gast bei Anne Will

Diese Woche war ich zu Gast bei Anne Will. Zumindest auf der Meta Ebene. Oder auch auf der Facebook Ebene.
Ja, ich habe es getan. Ich habe mich auf eine Diskussion bei Facebook eingelassen. Auf eine politische Diskussion. Auf eine politische Diskussion über Flüchtlinge. Ich wurde verführt. Und nun saß ich im Anne Will Studio. Weitere Gäste: zwei Personen aus der Mitte der Gesellschaft. Und die fanden mich offensichtlich ganz schön scheiße. Bereits nach kurzer Zeit wurde mir klar, dass das nicht meine Freunde werden, obwohl mir Facebook suggerierte, dass sie das schon zu sein schienen.
Ich hatte mir erlaubt, einen völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Zeitungsbericht, der gepostet wurde, in Frage zu stellen. Genauer gesagt wies ich darauf hin, auch mal auf den Link zu klicken, um den sich hinter der Schlagzeile verbergenden Artikel auch zu lesen. Schon fand ich mich in diesem Anne Will Studio wieder. Die beiden Gäste aus der Mitte der Gesellschaft beschwerten sich nun darüber, dass ich mit einer Nazikeule schwingend kriminelle Flüchtlinge verteidigte. Nach zahlreichen Fallbeispielen, Erfahrungsberichten, „die haben auch gesagt“  Sätzen und militärischen Analysen wurde es dann sogar emotional im Studio. Einige Gäste seien kurz davor, das Land zu verlassen, weil hier alles furchtbar schlimm und schrecklich ist und es wird „da oben“ (mit gestischem Hinweis auf die Studiodecke) sowieso wahlweise NICHTS!!!! oder alles falsch gemacht.
Ich war im Geiste übrigens immer noch bei dem geposteten Zeitungsartikel. Mir fehlt es da wirklich an Schlagfertigkeit.
Ich stellte danach die simple Frage, wie sie es denn ändern würden und war mir der Brisanz dieser Frage im Klaren. Aber ich war mir sicher, dass ich die möglichen Antworten verkraften könne.
Nach weiteren kurzen Exkursen in Weltpolitik, den Einfluss von Putin und Obama auf unsere PEGIDA Stimmung und diversen anderen, nach Aluminium verlangenden Ideen, kamen beide Gäste schließlich zu dem simplen Konsens: „weiß ich jetzt auch nicht, wie ich es machen würde. Du?“
Da war erstmal Stimmung im Studiopublikum.
Ich dachte immer noch über den geposteten Zeitungsartikel nach, um den es ursprünglich mal ging. Schon hängt wieder der Obama da mit drin. Oder Putin. Oder wahrscheinlich sogar beide gemeinsam.
Ich listete ein paar Integrationsmaßnahnen auf, nachdem ich nochmals daran erinnerte, dass ich nie Änderungen eingefordert hatte, sondern lediglich diesen verdammten, grundverfluchten Zeitungsartikel in Frage gestellt hatte. Dann lief auch schon der Abspann und die Diskussion war beendet.

Komische Sendung, dachte ich. Aber den anderen Gästen hat es vielleicht ja gefallen. Sie konnten was erzählen. Sie hatten was zu erzählen. Über die unterschiedlichsten Themen. In einer einzigen Sendung, in der es um einen Zeitungsartikel ging. Sie konnten ihr „Dagegen!“ Plakat in die Facebook Kamera halten. Nur wogegen genau, das wussten sie leider nicht. Und dann war die Sendung ja auch schon vorbei. Bevor es zu den Lösungen kam.
Aber vielleicht wollten sie auch gar keine Lösung.
Das ist vielleicht wie bei diesem Missverständnis zwischen den Geschlechtern: wenn Frauen traurig sind, suchen Männer nach einer Lösung, während die Frauen nur getröstet werden wollen. Zurück transferiert würde das bedeuten:
Mann, sind Frauen manchmal bescheuert!

Gräfins Tagebuch

Zum ersten Mal kam ich in Kontakt mit dem Thema „Rassismus“ als ich in der Grundschule war. Da behandelten wir nämlich in Sachkunde Antisemitismus als unsere Rektorin erklärte, warum in unserer OmaOpaGeneration Menschen gab, die einen Mann namens Hitler gut fanden, welcher wiederum ganz viele Menschen umbringen ließ. Das fand ich merkwürdig. Das sollte jemand gut finden? Menschen umbringen? Ich wusste damals, dass mein Opa mal ganz viele Jahre in Russland eingesperrt war, weil er damals, als er so alt war wie mein Vater, in einen Krieg musste. Weil das alle mussten. Weil einer Krieg machen wollte, der Hitler hieß. Mein Opa fand den bestimmt nicht gut.

Dann wurde uns erklärt, dass man damals eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, nämlich die Juden, vorher ganz langsam von allen Sachen ausgegrenzt hatte. Man sollte dort nicht mehr kaufen. Sie durften nicht mehr schwimmen gehen. Sie durften nur noch zu bestimmten Zeiten bestimmte Gegenden betreten. Und weil man denen das auf den ersten Blick nicht ansah, mussten sie sich einen Stern aufnähen, damit man sie sofort erkannt hat. Das fand ich komisch. Ich kannte eine Jüdin. Unsere Nachbarin hatte einen so schönen Nachnamen, weil sie Jüdin sei, hatte meine Mutter mir damals mal gesagt. Die haben oft so schöne Nachnamen. Aha. Und diese Nachbarin, oder deren Mutter durfte also damals nicht in ein Schwimmbad. Weil sie einen schönen Nachnamen hatte. Andere Gründe vielen mir damals nicht dazu ein. Das geht mir bis heute so.
Wie kann man denn Leute gegen eine Gruppe zu aufbringen, dass sie da mitmachen?

Später sollte uns das dann ein paar Jahrgangsstufen weiter ein Buch namens „Die Welle“ erklären. Da sollte man sich auf ein Spiel einlassen, irgendwen einfach nur so doof zu finden, wenn er sich nicht einer Gruppe anschloss und dies auch nach Außen präsentierte. Mit nem weißen Hemd glaube ich. Das soll dann in dem Buch am Ende total eskaliert sein. Ja, okay. Isja n Buch. Macht ja in Wirklichkeit keiner. In Wirklichkeit hätte der Direktor das ja sofort abgebrochen und gesagt, dass jetzt auch mal wieder Schluss ist mit dem Quatsch.

Ja, das wäre wohl so. Weil wir wissen, dass es so eskalieren kann. Weil das Thema so brisant ist. Vielleicht auch, weil sonst die Nazikeule droht. Die öffentliche Meinung würde sich wohl überschlagen, wenn heutzutage ein Lehrer an einer deutschen Schule irgendwelche komischen Projekttage mit seltsamen Experimenten machen würde. Ein Glück, dass das so ist. Das würde der nicht lange machen können. Eine solche Katastrophe gäbe es hier also nicht. Eben weil es die andere Katastrophe gegeben hat. Die eben noch viel unbegreiflicher war. Da war es kein Buch. Sondern Realität. Da hat man es nicht gestoppt, als es eskalierte. Eine ganz große Gruppe von Menschen hatte sich auf so ein Spielchen eingelassen, irgendwen einfach so auszugrenzen. Am Anfang. Bis man sich Gründe dafür gesucht hat, damit es einem leichter fiel.
An meiner Grundschule gab es ein paar blöde Witze über Türken. Alltagsrassismus nennt man das heutzutage wohl. Für mich waren damals Türken von Klein auf allgegenwärtig. Das waren die Kinder, von denen Oma und Opa in einem anderen Land wohnten. Die fuhren deshalb in den Sommerferien immer die komplette Zeit am Stück in die Türkei. Und weil die Oma in der Türkei anders kochte als wir hier, gab es bei denen zu Hause manchmal leckere Sachen mit Honig zu essen. Sie waren damals hier hergezogen, weil Deutschland dringend Arbeitskräfte gesucht hat, und deshalb gutes Gehalt gezahlt hat. Da haben sich einige überlegt, die Chance zu nutzen und sind ausgewandert. So wie meine Mama damals. Die ist für ein paar Jahre nach Kanada gezogen.

Auch da wurde mir irgendwann klar, dass es Leute gab, die das anders sahen als ich. Die fanden Türken doof. Irgendwer fand die Eltern von der aus meiner Kindergartengruppe doof. Einfach so. Und vielleicht auch diejenige aus der Kindergartengruppe selbst. Dabei war die voll nett. Und hatte total cooles Spielzeug. Warum sollte man die denn doof finden?
Vielleicht gab es da auch mal so ein Experiment wie bei „Die Welle“ und hat nicht nach weißem Hemd, sondern nach Haarfarbe sortiert? Und irgendwann hatte man dann sogar Angst vor schwarzen Haaren? Weil man es so lange eingetrichtert bekommen hat. Entstehen so rechte Gesinnungen? Wäre ich (oder meine Eltern) damals auch Bestandteil so einer Gruppe gewesen, hätte ich mit der vielleicht nie gespielt.

Über zwanzig Jahre später habe ich ein Vielfaches an historischem und politischem Hintergrundwissen mehr, aber die Kernfrage bleibt unbeantwortet für mich. Wie kommt so ein Hass zustande? Gegen einen Menschen, den man noch nie in seinem Leben gesehen hat?

Weil man sich einer Gruppe angeschlossen hat, die bestimmte Kriterien in Ihren Statuten stehen hat, weswegen man die doof finden muss. Und deshalb freut man sich über jede Eigenschaft, jedes Verhalten, jede Situation, die das bestätigt. Damit man was hat zum Rechtfertigen, warum man bei denen mitmacht. Dieses „Handbuch zur Rechtfertigung in Diskussionen“ gibt man natürlich gerne an seinen Nächsten weiter. Der soll sich ja auch zu helfen wissen. Und der nächste auch. So vergrößert sich nach und nach die Gruppe von Leuten, die die Argumente in Diskussionen ganz schlüssig fanden. Und da kann es ja auch mal passieren, dass man die Geschichte nicht jedes mal genau gleich erzählt. Oder was weglässt. Oder was ergänzt. So entsteht Stimmung. Da freut man sich doch über jede an sich schlechte Nachricht, die einem noch ein paar Argumente mehr liefert. Die Bürgerwehren, die da gerade auf den Straßen rumrandalieren, und mich beschützen wollen, hätten sich vor ein paar Wochen noch darüber gefreut, wenn mir das in Köln passiert wäre. „Seht ihr? Wir haben Recht. Macht bei uns mit, die anderen machen ja nix dagegen!“

Mir macht diese Stimmung Angst.
Mir macht es Angst, dass überall komische Geschichten kursieren, die immer hanebüchener werden und je nach Tagesfreizeit die Kommentarspalten und manche facebook Timeline explodieren lassen.
Mir macht es Angst, dass es immer mehr werden, die die Geschichten glauben und verbreiten.
Mir macht die Angst der Menschen Angst. Vor Menschen, die sie nicht kennen. So wie keiner meine Kindergartenfreundin kannte. Oder unsere Nachbarin, die damals nicht schwimmen lernen durfte.

„Seid doch endlich mal gemütlich!“

Bielefeld. Meller Straße. Halb sechs. Zwei Verkehrsteilnehmer tauschen lebhaft ihre Ansichten zur Straßenverkehrsordnung aus. Ich kann nicht genau ausmachen, wer von beiden jetzt das „blinde Arschloch“ und wer „der rücksichtslose Spinner“ ist, der „keine Ahnung und keine Augen im Kopp“ hat, dafür habe ich den Anfang der Geschehnisse leider verpasst. Außerdem ist es um diese Zeit schon recht dunkel, so dass nur die Weihnachtsbaumbeleuchtung vom gegenüberliegenden Parkhaus etwas atmosphärisches Licht in diese Inszenierung bringt.

Hach ja, der Advent ist schon eine schöne besinnliche Zeit. Alle kommen mal etwas zur Ruhe und haben sich gegenseitig lieb.

Gefälligst!

Schon meine Omma unterband früher jede Meinungsverschiedenheit oder jede nicht ganz politisch korrekte Äußerung mit den Worten: „Na! Es ist doch Advent!“

Achso. Ja, stimmt. Da war ja was. Advent. Da soll man ja total guter Dinge sein.
Advent. Das ist ja die Zeit, in der ich 4 Wochen kalte Füße hinter mir und 8 Wochen kalte Füße vor mir habe. Das ist der Monat, in dem ich bei Dunkelheit zur Arbeit fahre und bei völliger Dunkelheit nach Hause komme.
Zu dieser Zeit kann man die Innenstadt nicht betreten, ohne zuvor einen Selbstverteidigungs- oder mindestens einen Yoga-Kurs absolviert zu haben.

Advent heißt auch: „Ach du scheiße, das Jahr ist ja bald um, alle Firmen machen Betriebsferien, da müssen wir aber vorher noch alles fertig arbeiten!“ Wobei wir in diesem Fall meistens ihr bedeutet. Advent heißt nämlich auch, dass man Kollegen und Vorgesetzten schon „Schöne Weihnachten und nen guten Rutsch!“ wünscht, wenn die Allerheiligengestecke noch auf den Friedhöfen liegen.

Bevor hier jetzt falsche Verdächtigungen aufkommen: Ich finde Weihnachten nicht schlimm. Ich habe zwei Tage frei, wie käme ich darauf, dies zu kritisieren? Ich schimpfe ja auch nicht über den 1.Mai. Oder den Tag der deutschen Einheit. Alles gut. Weihnachten olé olé. Trotz meiner 20 jährigen Tätigkeit im Einzelhandel (achduscheißebinichalt) finde ich auch Lichterketten und Weihnachtstüddelütt nicht schlimm. Ich mag Zimt und Mandarinen und ich toleriere Menschen, die Glühwein trinken. Ich habe Kekse gebacken und mir sogar einen Weihnachtsbaum gekauft. Am ersten Advent habe ich eine Kerze angezündet und „Actually Love“ geguckt. Gehört sich so.
Warum ich jetzt aber netter oder weniger nett, besinnlich, gemütlich oder festlich gestimmt sein soll, erschließt sich mir noch nicht. Okay, im LIDL gibt es jetzt getrüffelte Leberwurst und die leckere Meersalzbutter. Und im Fernsehen laufen wieder die Hoppenstedts. Das kommt mir gut zu Pass. Darüber hinaus fällt mir nicht viel ein, was mich jetzt aktuell besinnlich stimmen könnte. Und das, obwohl ich mich nicht einmal nachts im Bett wälze und grübel, was ich noch an Geschenken zu besorgen habe. Schenken finde ich ganz okay. Fast noch besser als beschenkt werden. Das liegt vielleicht an den Kindheitserinnerungen an die jährlichen Frottee Schlafanzüge von Omma. („Naja, passt halbwegs, die Hose kneift etwas unter den Armen.“- „Achwas, da wächst du noch rein!“). An sich sind Geschenke okay. In beide Richtungen. Solange man sie nicht an einem verkaufsoffenenen Sonntag oder einem Adventssamstag bei Douglas, Christ oder Thalia besorgen muss. Zusammen mit Fantastilliarden Menschen aus dem Umland. („Irmgard, wenn wir uns verlieren, wir treffen uns beim Posaunenchor!!“)
Weihnachten schockt mich nicht, es macht mir keine Angst, aber es macht eben auch nicht das Gegenteil. Ich bin am 25.12. genauso gemütlich, besinnlich, nett, misanthropisch, liebenswert und unleidlich wie am 16.7. Nur nicht so unausgeschlafen vielleicht.

Aber ich habe ja auch gut Reden. Ich erwarte keinen Besuch von 15 Personen im glitzernden P&C Abendkleid, die sich alle hassen und die kommenden 2 Tage nur streiten werden. Ich muss keinen SUV mit Weihnachtseinkäufen füllen und in meiner Badewanne schwimmt auch nicht schon seit Wochen ein Karpfen (was nicht in erster Linie daran liegt, dass ich keine Badewanne besitze), dem ich am 23.12. die Organe entfernen muss, nachdem ich ihm ein Nudelholz auf den Kopf gehauen habe.

Meine Weihnachtsvorbereitungen sind nämlich bereits abgeschlossen. Ich habe eine Kiste Bier gekauft. Für die Gemütlichkeit.

Die Gräfin und die Ameise

Früher gab es jeden Samstag Taschengeld. Das hielt meistens bis Samstag nachmittag. Bis dahin hatte ich es mehr oder weniger gewinnbringend angelegt. In Wunderbälle zum Beispiel. Oder Saure Gurken. Manchmal auch in das neue YPS Heft. Ich gebe zu, es handelte sich hier eher um weniger gewinnbringende Anlagen. Aber wie sagte schon (der in letzter Zeit über alle Maßen zitierte) Altkanzler Schmidt: „Ich teile die Menschheit in drei Kategorien ein: Wir normalen Menschen, die irgendwann in ihrer Jugend Äpfel geklaut haben; die zweite hat eine kleine kriminelle Ader, und die dritte besteht aus Investmentbankern.“

Ich gehöre wohl zur ersten Kategorie. Zumindest definitiv nicht zur letzten. Ich investiere seit jeher in Dinge, die meinem Amusement dienlich sind. Fast ausschließlich. Da kommt es mir auf ne Mark fuffzich auch nicht an. Geizig werde ich, wenn ich Staubsaugerbeutel kaufen muss. Oder Rasierklingen. (Das SIND aber auch Halsabschneider!).

Ansonsten zucke ich nicht einmal mit der Wimper, wenn ich Konzertkarten kaufe, meinen Deckel bezahle oder einen Einkaufsbummel in diversen Internetshops mache. Ich habe keine Ahnung, wo mein sauer verdientes Geld so hinplätschert, aber es ist mir tatsächlich auch ziemlich egal. Solange der Bankautomat noch surrt und mir meine Karte wieder gibt, ist alles im grünen Bereich.

Da ich das Glück habe, einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen, die über dem Mindestlohn liegt, sind zum Glück auch die Zeiten vorbei, in denen regelmäßig diese kleinen Briefe von der Sparkasse, liebevoll „Rückbuchung“ genannt, im Briefkasten landeten. Das war auch schon mal anders. Im Studium war wenigstens noch jeder zweite für meine Mitbewohnerin, in den ersten Berufsjahren wohnte ich alleine. Da war jeder Sparkassenbrief im Kasten für mich. Gut, dann gab’s halt ne Weile Tütensuppe.

Peter Zwegat hat seine Flipchart zum Glück bisher noch nicht in meinem Wohnzimmer aufgebaut und kopfschüttelnd über meinen Unterlagen gestanden und „Mann Mann Mann“ gemurmelt. Das mag auch daran liegen, dass ich bisher immer nur einen Handyvertrag hatte, keinen Porsche finanziert habe und ich in Manolo Blahniks nicht laufen kann. Meine Investitionen sind eher klein und zahlreich.

Hinzu kommt, dass mich Geld auch einfach nicht interessiert. Solange es da ist. Dann wird es einfach schnell ausgegeben. Auf den Kopp gehauen. Kommt ja bald neues. Und diese Fabel von der Grille und der Ameise habe ich auch eher indifferent gesehen. Ist ja alles schön und gut mit der Körnersammelei für den Winter, aber den Sommer über ein bisschen die Sau rauslassen und den lieben Gott mal ’n guten Mann sein lassen, ist ja nun auch nicht das Schlechteste. Und die Ameise hätte auch ganz schön sparsam (1a Wortspiel übrigens) geguckt, wenn sie kurz vor Wintereinbruch in einen Köder gelaufen wäre. Da kann sie noch so viel Zeugs in ihrem Speicher haben, das letzte Ameisenhemd hat eben auch keine Taschen. Und da wir glücklicherweise a) keine Ameisen sind und b) in einer Art Sozialstaat leben, der auch was für Grillen übrig hat, die den ganzen Sommer Geige gespielt haben, sind meine Existenzängste gering genug, um alles zu verjubeln, was ich habe.
Früher habe ich manchmal einen Teil (einen sehr geringen Teil) ins Sparschwein geworfen, wenn ich mir etwas Größeres kaufen wollte. Eine neue Barbie zum Beispiel. Oder eine Hörspielkassette. Nun wüsste ich konkret gerade nicht, worauf ich sparen sollte. Meine Diamantensammlung ist komplett und mein Fuhrpark muss auch derzeit nicht erweitert werden. Für ’ne Yacht gibt es in Bielefeld zuwenig Wasser und bis auf die zwei Katermäuler, muss ich auch keine weiteren stopfen.
Ich spare auf andere Art. Kürzlich erwarb ich eine Handtasche für fünfzig Euro, die vorher 200 gekostet hatte und folgenden Dialog hervorbrachte:

„Ich habe ja jetzt 150,- gespart, die kann ich ja dieses Wochenende aufn Kopp hauen, oder?“

„Unbedingt. Und wenn du nicht raus gehst, musst du dir davon Computerspiele oder Blue Rays kaufen.“

„Gut. Und wenn es nicht reicht, kaufe ich mir einfach NOCH eine Tasche, dann sind’s schon 300,-, die ich gespart habe.“

„Ja. Und genau deshalb kommen wir auf keinen grünen Zweig!“

Möglich. Aber will ich auf irgendeinen grünen Zweig? Will ich einen Geldspeicher im Keller haben? Oder ist Verjubeln vielleicht doch die bessere Alternative? Und in Zeiten, in denen man im Winter nicht verhungert, oder man sich bei einer wohlwollenden Ameise einquartieren muss, lebt es sich ja nun auch deutlich entspannter als von Aesop geschrieben.

Ich muss zumindest keine Angst haben, irgendwann Opfer einer Entführung zu werden. In meinen Geldspeicher bricht auch kein halbwegs vernünftiger Mensch ein. Und ich finde es auch sehr entspannt, mit Freunden nicht über die 26 Cent zu diskutieren, die der eine dem anderen noch schuldig ist. Da bin ich doch recht sozialistisch veranlagt.

Und ich erspare mir zudem das Rechnen. Das kann ich nämlich auch nicht. Und wenn alle Stricke reißen, hoffe ich dann wahrscheinlich doch auf eine freundliche Ameise. Oder auf eine, die genauso wenig rechnen kann wie ich.

Gräfin Ännes Original Soundtrack

Ich kann mir nicht besonders gut Namen und Gesichter merken. Vor allem nicht richtig miteinander kombiniert. Wenn ich euch irgendwann mal mit „Ey, Du!“ anspreche, dann seid bitte nicht sauer. Den engsten Kreis bringe ich auf die Reihe. „Mutter“ krieg ich hin. Auch die Menschen, die ich seit der ersten Klasse kenne, sind mir inzwischen größtenteils geläufig. Ansonsten ist mein Gehirn synaptisch einfach nicht gut in der Lage, diese beiden Informationen miteinander zu verknüpfen.

Ganz anders verhält es sich da bei Musik. In der Zeitschrift „NEON“ gibt es eine Rubrik, in der mehr oder weniger Prominente Menschen den Soundtrack ihres Lebens veröffentlichen. Manchmal sind das Lieblingssongs, manchmal aber auch Songs, die an irgendein Ereignis erinnern. Letzteres kriegt mein Gehirn ganz wunderbar hin.
Wenn ich heute irgendeinen Song aus dem Jahr 1983 höre (von Mike Oldfields „Moonlight Shadow“ bis hin zu Rose Laurens‘ „Africa“), habe ich sofort den Geruch von gegrillten Mettwürstchen aus dem Schrebergarten von damals in der Nase. Ja, damals wurde noch Geräuchertes gegrillt, und es schmeckte ganz hervorragend. Während die Nachbarn rechts grillten, spielten die Nachbarn links den ganzen Tag „Mensch ärger‘ dich nicht“. Und die damals 5-jährige Gräfin durfte manchmal mitspielen, während Radio Luxemburg eben Rod Steward und die Eurythmics spielte. WDR 2 hören ist heute also immer ein Ausflug in den Ruhrgebietsschrebergarten von damals.

In der Grundschule war ich (wie sich das gehört) Nena- Fan. Zumindest musikalisch. Stirnbänder waren nix für mich und die Achseln musste ich mir damals noch nicht rasieren. Später hatte dann einer aus der Straße eine Kassette von den Ärzten. Natürlich keine originale, sondern eine überklebte und überspielte Benjamin Blümchen Kassette. Diese Kassette kopierte ich mir. Seitdem sind die alten Ärztesongs auf Ewig mit a) dem Spielplatz in unserer Straße und b) mit dem Unterton von Benjamin und Otto, der durch die Qualität der Aufnahme im Hintergrund leise mit lief, verknüpft. Bademeister Paul funktioniert bei mir nicht ohne „Töröö“. Unwiderruflich im Hirn eingebrannt.

Später wurde ich dann etwas cooler und hörte Guns ’n Roses. Und trug Karohemden. Und rauchte. Und trank Dosenbier. Ich glaube, ich habe zwei Jahre am Stück ausschließlich Guns ’n Roses gehört. Trotzdem kann ich mich noch sehr gut erinnern, dass im Hintergrund Alex Christensens „U96“ lief, als ich eine Überdosis Feigling auf einer Scheunenparty in den 90ern in einem Gebüsch entsorgte. Zum Glück läuft das selten im Radio. Aber wenn, entwickelt mein Körper sofort erhöhten Speichelfluss.

Wenn man einmal was falsches gegessen hat, isst man das nie wieder. So die Legende. Musik funktioniert bei mir da genauso. Das schwarze Album von Metallica habe ich bestimmt 10 Jahre lang nicht gehört, weil genau das lief, als das erste Mal mit mir Schluss gemacht wurde. Und so wie ich nie wieder Feigling getrunken habe, kam auch das Album auf die rote Liste. Bis heute. Obwohl ich mich an den Schlussmacher nur noch schemenhaft erinnern kann.

Ein anderer Teenagerfreund stellte mir ein Mixtape zusammen (sowas Romantisches hat man damals noch gemacht), welches ich drei Wochen lang im Englandurlaub im Walkman mit mir herum trug. Wenn ich heute Social Distortion oder Korn höre, drängt sich sofort der Gedanke an diesen Urlaub auf. Direkt denke ich an die schlimmen Mixed Pickles Labberbrötchen und die selbstgemischte Cola aus den Lunchpaketen und das lustige Haus unserer Gastfamilie.

Vor einigen Monaten habe ich mir eine Abi- Playlist zusammen gestellt. Sie besteht zu 80% aus Bad Religion, garniert mit dem Green Day Album „Dookie“ und Skunk Anansie. Sofort assoziiere ich sämtliche Oberstufenpartys und diverse Dialoge mit meiner Mutter „Bei dem Krach kann doch kein Mensch für’s Abitur lernen!! Was ist denn das bloß?“- „Life of Agony, Mutter!“- „Ja, so klingt’s auch!“
Robbie Williams, George Michael, Oasis und die Spice Girls: Stufenfahrt nach London 1997! Das dauert keine Nanosekunde, schon spielt mein Hirn mir einen Streich und katapultiert mich in irgendein Museum oder einen Pub (meistens Letzteres, da will ich ehrlich sein).

Mein Gehirn kann Musik nicht von Ereignissen trennen, nicht machbar. Mein Gedächtnis ist so exorbitant schlecht, dass ich jetzt schon nicht mehr weiß, was ich heute morgen gefrühstückt habe, aber ich weiß jetzt noch ganz genau, welcher Song im Radio lief, als ich mein Seepferdchenabzeichen mit nach Hause gebracht habe. Das ist nicht unbedingt ein Geschenk, macht es doch einige Bands für die Zukunft nicht mehr hörbar, wenn die Ereignisse eben nicht gerade angenehm waren. Das schwarze Album kann ich da verkraften. Rage against the Maschine tat da schon mehr weh (ja, das hat mir auch mal jemand verdorben). In homöopathischen Dosen habe ich mich da wieder herangetastet, bis der Kloß im Hals irgendwann klein genug war. Man soll ja direkt wieder aufsteigen, wenn man vom Pferd fällt.

Wenn ihr also vorhabt, mich in nächster Zeit so richtig zu ärgern, dann tut mir den Gefallen und sucht euch eine musikalische Untermalung aus, die zu verkraften ist. Irgendwas, wo ich ohnehin das Radio ausschalte. H- Blockx oder Rosenstolz oder so. Das würde ich sehr begrüßen!

Käsestulle 2.0

Bevor ihr mich jetzt falsch versteht: Ich koche ganz gerne und ich behaupte auch, es halbwegs zu beherrschen. Meinen Dosenöffner habe ich Jahre nicht benutzt und ich brauche auch keine Maggitüte mit Oregano und Glutamat zur Herstellung einer Bolognese.

Trotzdem ist in letzter Zeit bei mir häufig Schmalhans Küchenmeister. Es gibt also vermehrt „eingemachte Kellertreppen“ oder „kalten Arsch mit Birnen“. Das pflegte meine Mutter früher häufig auf die Frage „was gibt’s zu Essen?“ zu erwidern. Hieß soviel wie „Schmier dir ’n Brot!“.

Es gibt also Brot. Ne ehrliche Klappstulle. Ein Butterbrot. Ne Fettbemme. Mit Käse. Manchmal auch mit Wurst (Oh Gott, Wurst!). Auf die Dauer wird das allerdings etwas fad, sodass ich dringend an meiner Dinner- Performance arbeiten musste.

Der erste Schritt war Pasta. Ich nenne Pasta allerdings immer noch „Nudeln“, „Pasta mit Ketchup“ klingt auch irgendwie komisch. Wie „Coq au vin mit Fritten“ oder „Ente à l‘ orange mit Stampfkartoffeln“. Klingt nicht.
Gut, auch Nudeln mit Ketchup sind jetzt langfristig nicht die kulinarische Erfüllung. Und dann brachte mich jemand genau zum richtigen Zeitpunkt auf folgende Idee:

Ich brauche einen Sandwichmaker.

Ja, genau das Ding, was früher jeder im Küchenschrank hatte. Das Ding, welches mein Studium begleitet hat. Weißbrot rein, Accessoires drauf, zusammendrücken, backen, fertig. Darauf folgen dann Mund und Gaumen verbrennen, an Überfressung Schmerzen erleiden, Gerät mit Hochdruckreiniger und Bunsenbrenner säubern und es wieder in den Küchenschrank stellen. Neben die Eismaschine, den Racelettegrill, den heißen Stein, den Smoothiemaker, das Waffeleisen, die Crêpepfanne und den Donut/Muffin/CakePop-Maker. Sofern die Popcornmaschine da nicht schon steht. Dann wird’s knapp. Dann müssen eventuell Eierkocher und Schokoladenfondue in den Keller deportiert werden. Die braucht man schließlich nur alle zwei Jahre, während die anderen Gegenstände einmal im Jahr benutzt werden.
Der ein oder andere mag die Ironie erkannt haben, die im Subtext mitschwingt: Kein Mensch braucht diesen ganzen Scheiß. Ein Waffeleisen, okay, das lasse ich durchgehen. An meinem ersten Eierkocher (von Mutti geschenkt) habe ich mir so dermaßen den Arm verbrannt, dass ich drei Wochen offene Stellen hatte. Smoothies sind sowieso für’n Arsch und wenn mir jemand was vom Thermomix erzählt, antworte ich „nein, danke, ich habe schon ein Messer. Und einen Topf.“
Lange habe ich mit der Anschaffung einer Küchenmaschine gerungen. Die steht da jetzt. Manchmal benutze ich sie auch. Damit meine Finger nicht noch kürzer werden, als sie sowieso schon sind, wenn ich Reibekuchen backe. Auch Pizzateig kann die ganz gut. Die ist okay, die darf bleiben. Ich schweife ab: Zurück zum Sandwichmaker. Den braucht man nämlich wirklich. Ich werde mir jetzt einen anschaffen. Und die kommenden Wochen werden folgendermaßen ablaufen:

Ich werde mir dieses Weißbrot anschaffen, welches man für 69 Cent für den laufenden Meter in jedem Discounter bekommt (keine Angst, es lässt sich prima auf 15 cm zusammendrücken und Platz sparend verstauen). Dazu gibt es dann natürlich diverse Beläge. Da ich ja ein kreativer Kopf bin, kaufe ich selbstverständlich nicht nur schnöden Käse und ne Packung Schinken, sondern diverse andere Kinkerlitzchen, die nach etwa 8 Tagen dann angebrochen und angeschimmelt im Kühlschrank liegen werden. Nach 7 Tagen Sandwichabendessen (kennt ihr Ozzy Osbournes Burrito diet? Dann wisst ihr, was ich euch sagen will) hängt nämlich irgendwann der Gaumen in Fetzen und lässt nur noch Flüssignahrung zu. (An dieser Stelle kommt dann übrigens der Smoothiemaker ins Spiel).
Das Gerät kommt dann wieder in den Küchenschrank. Neben das Waffeleisen. Einmal im Jahr kann man eine Sandwichwoche schon machen. Somit lohnt sich die Umlagerung in den Keller auch nicht.

Dabei fällt mir ein: Wenn noch jemand eine Eismaschine benötigt, möge er sich melden.

Formular A38

Der erste Mann meiner Mutter kam aus Kanada. Nach seinem Aufenthalt in Deutschland hat er der Legende nach gesagt, er würde eine Stempelfabrik eröffnen, so er sich in diesem Land niederließe. Hätte er mal machen sollen. Er säße vielleicht jetzt in einem Geldspeicher und würde sich mit Geldscheinen handgerollte Zigarren anzünden.
Zitate wie „Von der Wiege bis zur Bahre: Formulare, Formulare“ sind leider wahrer als lustig. Und hier und heute ist der Moment gekommen, in dem ich mich oute:

Ich bin Behördenlegastheniker. Durch und durch. Von Geburt an. Chronisch und akut zugleich. Meine Ablage heißt Schuhkarton. Würde ich meine Steuererklärung ohne Hilfe machen, teilte ich mir wahrscheinlich mit Uli Hoeneß eine Zelle. Ich kann es einfach nicht. Ich bekomme schon Panikattacken, wenn sich ein Brief mit Fensterumschlag in meinem Briefkasten befindet, und ich freue mich, wenn es nur Werbung von unitymedia ist.
Ich konnte mehrere Wochen keine Überweisungen online tätigen, weil ich diesen Brief der Sparkasse übersehen hatte, der mich auf das neue TAN Verfahren hinwies. Er schlummerte wahrscheinlich zwischen real Prospekten und unitymedia Werbung auf einem Haufen, Oder in einem Schuhkarton. Vielleicht wusste ich auch einfach nichts damit anzufangen und habe ihn achselzuckend in der Ablage P entsorgt. Alles möglich.
Wenn ich früher bei meinen Eltern anrief und ankündigte: „Ich komme am Wochenende und bringe den Bafög Antrag mit!“ wurde es am anderen Ende der Leitung stumm. Sehr stumm. Wenn ich da war und diesen Stapel Papier (der eine eigene ISBN Nummer verdient hätte) in den Händen hielt, hieß es Geduld und Contenance bewahren. Mein Beamtenvater, der sein ganzes Leben in Leitz Ordnern und Excel Tabellen katalogisierte, traf auf Miss Schuhkarton, Mehr muss ich wohl nicht sagen.
Wenn ich heute ein Schreiben bekomme, mit dem ich nichts anfangen kann (das sind mehr als ihr vielleicht denkt), nehme ich den Brief mit zur Arbeit und frage die kaufmännisch ausgebildeten Kollegen. Dabei will ich keine genauen Erklärungen, um was es sich handelt. Ich will einzig eine Antwort auf die Frage: „Kann ich das wegschmeißen? Wenn nicht, was muss ich jetzt machen?“ Klare Anweisungen. Das ist das Geheimnis. Wenn irgendein Schreiben ankommt, muss sich ein Lückentext darin befinden, den ich ausfüllen muss. Mit Deadline. „Hier bitte Name, Datum, Dings und Bums eintragen. Bis zum xx.xx.. Sonst passiert etwas ganz Schlimmes.“ Dann geht’s. Da kann ich mit um.
Ebenso sollte drinstehen „Bitte nicht wegschmeißen!“. Oder ein Farbcode: Wichtige Schreiben immer auf neongelbem Papier. Dann findet man die Schlingel auch bei der Steuererklärung. Amateure!