Misanthropiephobie

Man mag sie ja nicht mehr so recht lieb haben. Die Menschheit an sich. Mit dieser Spezies hat die Evolution echt mal einen Bock geschossen. Nicht zu Ende gedacht.
Auf solche Gedanken kann man schon hin und wieder mal kommen. Wenn man die Nachrichten guckt. Oder im Supermarkt gepellte Mandarinen in einer Plastikbox verkauft werden. Oder wenn einem wieder so ein Arschloch die Einfahrt zuparkt.

„Können Sie vielleicht noch ne Kasse aufmachen?“ nölt hinter mir ein Typ in meinem Alter. Vor mir sind zwei Kunden. (Okay, wird schon seine Gründe haben. Der hat’s bestimmt einfach eilig. Vielleicht hat er Durchfall und muss schnell neues Klopapier kaufen.) Er kauft eine Flasche Cola und ne Packung Paderborner Landbrot. Wohl doch kein Durchfall. Schade.

Leider kein Einzelfall, wenn ich Eduard Zimmermann zitieren darf.
Die zeternde Großfamilie in der Straßenbahn oder der Vollidiot, der sich beim Konzert direkt vor deine Nase stellt. Und sich dann einen Zylinder aufsetzt. Manche schließt man irgendwie nicht direkt ins Herz.
Hinzu kommt natürlich, dass man das aktuelle Weltgeschehen auch nicht gerade als clever durchdacht bezeichnen kann. Tiervideos bei YouTube sind dieser Tage doch irgendwie oft die bessere Abendunterhaltung als die tagesschau.
Und da ich ja (powered by google) leichte Hypochondrie mein Eigen nenne, fühle ich mich nun der Gefahr ausgesetzt, misanthropische Züge zu entwickeln. Nun ist ja ein Augenrollen hin und wieder noch keine Misanthropie nach DIN oder Pschyrembel, aber wer weiß, ob ich da nicht noch was ausbrüte.
Um dem entgegen zu wirken, sollte ich vielleicht mal Prävention betreiben. Sie sind ja gar nicht alle bescheuert.
In meinem Umfeld (sozusagen in der real life Filterblase) sind sowieso nur die Coolen. Jedenfalls keine, die anderen ungefragt an die Geschlechtsteile fassen oder sonstwie kopfschüttelnswert wären. Und sowohl die Frau an der Kasse als auch die beiden Kunden vor mir fanden den Typen genauso unangenehm wie ich. Einer grinste mich sogar an, als er mich beim Augenrollen erwischte. Dumm halt, dass man sich an die nicht mehr erinnert. Die Bekloppten bleiben länger im Gedächtnis. Auch da hat Mutter Natur irgendwo einen Bug eingebaut. Aber ich versuche jetzt einfach mal, ihr ein Schnippchen zu schlagen. Statistisch gesehen begegnen mir nämlich täglich mehr von den Coolen. An Tagen, an denen ich es drauf anlege, ist die Quote sogar beeindruckend hoch.
Da sollte die Gefahr, der Misanthropie anheim zu fallen schon mal geringer sein. Und wenn man ehrlich ist, war der Hermesbote auch nett, der am gestrigen Sonntag geklingelt hat, weil er ein Paket für den Nachbarn abgeben wollte. Und heute morgen in der Stadt hat mir jemand die Tür aufgehalten. Es haben mir mehrere Personen einen schönen Tag gewünscht und ein paar haben das vielleicht sogar auch ernst gemeint.

Vielleicht muss ich mir also doch keine Sorgen machen, bald Schopenhauers BFF zu werden.
Sind ja gar nicht alle bescheuert. Vielleicht bin ich ja sogar immun dagegen. Kann ja schließlich sein. Es kann aber auch sein, dass es an der Taranteldoku liegt, die ich eben geguckt habe.

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

Eine Nebenwirkung des menschlichen Zusammenlebens ist die, dass man eben mit ihnen zusammen leben muss. Jetzt nicht unbedingt in einer Wohnung oder einem Bett, jedoch sehr wohl in einer Stadt, in einer Kneipe, einem Büro oder einem Freundeskreis. Man muss zwangsläufig irgendwie mit ihnen interagieren, ob man nun will oder nicht. Die einzige Möglichkeit, dem zu entkommen, ist die, sich wie der hutzelige alte bärtige Mann aus „The Life of Brian“ in eine Erdhöhle zu setzen und Wacholderbeeren zu essen. Schweigend. Kein schöner Gedanke. Also macht man besser die Not zur Tugend und erfreut sich am menschlichen Zusammensein. Ich zumindest.
Dazu gehört auch zwangsläufig ein gewisses Grundvertrauen. Nun muss man seinem Gegenüber nicht nach zehn Minuten von fiesen Genitalekzemen oder Schweizer Bankkonten berichten, aber man sollte ihnen schon soweit vertrauen, dass sie einem nicht im nächsten Moment das Pausenbrot klauen wollen. Sei denn, sie stehen maskiert und bewaffnet vor dir. In dem Moment ist eine Portion Misstrauen schon angebracht. Im Normalfall hat die Natur es aber ohnehin so eingerichtet, dass wir schon skeptisch werden, wenn man in so einer Situation steckt. Nehme ich an. Ich selber hatte bisher das Glück, bisher von solchen bösen Buben verschont geblieben zu sein.
Was natürlich nicht bedeutet, dass mir jetzt chronisch die Sonne aus dem Hinterteil scheint. Mir hat man auch schon einige Dinge (von Pausenbrot über Feuerzeug bis Fahrrad) geklaut. Man hat mich schon belogen, verarscht und mich anderweitig doof behandelt. Aber genauso gab es auch dann diejenigen, die das eben nicht getan haben. Zum Glück waren die bisher in der Mehrzahl.
Es mag also eine Schwäche von mir sein, dass ich zunächst einmal davon ausgehe, dass man nichts Böses im Sinn hat, wenn man sich mir in irgendeiner Weise nähert (Ausnahme: Ihr seid ganz erstaunlich nett und zuvorkommend: Dann muss an euch was faul sein!). Würde ja ohnehin nichts ändern. Wer ärgern will, der ärgert, ob man nun damit rechnet oder nicht. Es macht also keinen Unterschied, ob ich jemandem nun über den Weg traue oder nicht.
Im Gegenteil: Wenn man allen Menschen grundsätzlich unterstellt, dass sie am Familienschmuck interessiert sind, oder einem vor’s Schienbein treten wollen, sollte man sich vielleicht wirklich besser in ein Erdloch setzen. Dann ist man nämlich ein sehr unangenehmer Zeitgenosse. Und ich unterstelle eben diesen auch jetzt mal ganz keck, dass sie selber nichts anderes im Sinn haben, als anderen zu schaden.
Mit der Zeit lernt man vielleicht auch, Menschen einschätzen zu können. Ein bisschen zumindest. Denke ich. Hoffe ich. Mir bleibt ja auch nichts anderes übrig. Wenn ich mich nicht die nächsten Jahre von Wacholderbeeren ernähren will.