Tonight: Töttchen

Da habe ich 15 Jahre im Münsterland gelebt, ohne ein einziges mal Töttchen gegessen zu haben. Erst auf einem Weihnachtsessen vor einigen Jahren wagten wir uns an eine Bestellung in einem traditionellen Münsteraner „Essen wie bei Omma“ Restaurant.
„Seid ihr sicher?“ fragte uns damals der Kellner.
Waren wir. Obwohl uns diese Nachfrage schon etwas verunsicherte. Aber vielleicht war der Keller einfach nur überrascht, dass da 15 Mädels saßen, die Töttchen, Sauerbraten (vom Rind, wer im Münsterland Pferde isst, wird wahrscheinlich geteert, gefedert und anschließend an der Lambertikirche aufgehängt), saures Zwiebelfleisch und ne Menge Obstler bestellten (und nicht wie vielleicht üblich einen kleinen gemischten Salat und eine Weißweinschorle).
Kurz und gut. Das war lecker. Auch wenn es wirklich und wahrhaftig aussah wie Erbrochenes.
Das musste ich also auch Zuhause testen. Ich importierte also zwei Portionen, die meine Mutter bei einem lokalen Metzger bezog. Die Verpackung war leider nicht beschriftet, der Metzger hatte lediglich ein Stück in Folie verschweißt, daher habe ich bis heute keinen Schimmer, was wir da nun aßen. Allerdings war das ja nun damals im Restaurant genauso.
Töttchen besteht klassisch aus diversen Innereien, vor allem Lunge oder auch einem Kalbskopf, früher inklusive Hirn. Letzteres kann man heute ausschließen. Zum Glück, denn bei Hirn hört sogar bei mir der Spaß auf. Inzwischen gibt es wohl auch zahlreiche Zubereitungen, bei denen lediglich Kalbs- und Rindfleisch verwendet wird. Klein gehäckselt sieht man die Inhaltsstoffe ohnehin nicht mehr. Und ehrlicherweise bin ich mir auch nicht sicher, was der Fleischhändler hier so in meine Bratwurst rührt. Also muss man vielleicht auch einfach mal entspannt und unvoreingenommen an so eine Speise herangehen.

Wie dem auch sei. Der Klotz gefrorenen Erbrochenes hatte sich über Nacht in eine geleeartige Masse verwandelt und war nun breit für die Pfanne. Ein wenig erinnerte es an Katzenfutter, also ein Katzenfutter der gehobenen Art, bei dem man noch Fleischfasern erkennen konnte. Nach einer Weile in der Pfanne wurde das Gelee zu Brei, das kannten wir ja bereits von anderen Experimenten.
Auf dem Teller kombinierten wir es (wie sich das laut Internet und Münsteraner Gastronomie gehört) mit Graubrot und Gürkchen. Ein Schuss Worcestersauce kann auch nicht schaden.
Geschmacklich unterschied es sich doch deutlich von meinem ersten Töttchen Experiment. Hier wird wieder deutlich, dass es sich eben um ein Handwerksprodukt handelt, das bei jedem Metzger anders schmeckt. Es ist eben kein Mc Donalds Cheeseburger, der in Kiel genauso schmeckt wie in Passau.
Durch die Einkocherei mit Zwiebel und Essig hat es eine säuerliche Note, die für unseren Geschmack bei dieser Version ein wenig zu penetrant anmutete (insbesondere in Kombination mit der Optik).
„Gewöhnungsbedürftig“, „nicht schlecht“ und „muss ich jetzt nicht täglich haben“ – aus diesen drei Zitaten lässt sich vielleicht ein Fazit ableiten.
Wenn ich aber das nächste Mal in der Heimat bin, teste ich sicherlich noch eine zweite Variante. Von einem anderen Metzger. Oder in einer Gaststätte. Und dazu gibt es dann nicht nur Graubrot und Gürkchen, sondern vielleicht auch wieder ein, zwei Obstler.

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Schonmal gegessen?

Es gibt wahrlich unappetitliche Gerichte. Dinge, die schlimm riechen zum Beispiel. Jeder, der schon einmal einen Appenzeller Käse über mehrere Tage im Kühlschrank zu liegen hatte, wird mir da beipflichten. Zudem gibt es Dinge, die eine etwas, naja, unappetitliche Entstehungsgeschichte haben. Lebensmittel, die erst schimmeln, fermentieren oder leicht verwesen müssen, damit sie richtig lecker werden. Und dann gibt es noch Gerichte, die einfach nicht schön aussehen. So eine hingeklatschte Erbsensuppe beispielsweise. Da kann man noch so viele Balsamicospiegelchen drumrum machen, es ist und bleibt eben eine Erbsensuppe.

Jetzt kann man auf diese ganzen hässlichen Nahrungsmittel natürlich verzichten, und sich statt dessen jeden Tag ein Stückchen Filet zubereiten. Oder Forelle Vierkant. Das sieht vernünftig aus und man weiß was drin ist (angeblich). Auf jeden Fall weiß man aber, dass man das Beste vom Tier auf dem Teller hat. Den Rest sollense mal ruhig ins Hundefutter rühren oder nach Afrika schicken. Da ist das Essen ja- so sagt man- knapp.

Nun habe ich ostwestfälische Vorfahren. Und Vorfahren, die den Krieg miterlebt haben. Von einem Schwein ist theoretisch alles essbar, abgesehen von Krallen und Borsten. Zur Not muss es eben tüchtig durchgemöllert werden. Und dann rührt man noch ein bisschen Grütze rein und dann wird das schon schmecken.

Tut es. Ich aß als Kind gerne Wurstebrei, wenn wir bei Omma im Raum Paderborn waren. Und ja, das sieht aus wie schonmal gegessen. Ein Armeleute-Essen wie aus dem Bilderbuch. Immer wenn wir die Verwandten besuchten, importierten wir uns Vorräte. Umso mehr freue ich mich darüber, dass meine Wahlheimat Bielefeld ebenfalls Wurstebreiregion ist.

Ich freute mich ebenfalls, in Schottland Haggis essen zu dürfen. Irgendwann probierte ich dann Labskaus und so nach und nach entwickelte sich ein traditionelles „Wir essen und probieren Sachen, die aussehen wie schonmal gegessen.“

Und irgendwann standen wir dann vor so einer Pfanne mit „Toter Oma“ und bedauerten, dass dieses wahrhaft leckere Essen nicht gerade instagramtauglich ist. Es besteht also durchaus die Gefahr, dass all diese Köstlichkeiten irgendwann in Vergessenheit geraten, weil man sie nicht mit Ruccola, Pinienkernen und Parmesamhobeln schick präsentiert bekommt.

Und weil es derer mehr gibt als man glaubt, werde ich in unregelmäßigen Abständen von unseren wagemutigen Experimenten berichten. Inklusive Zubereitungsempfehlung und geschmacklicher Bewertung. Wir haben schon viel getestet, aber ganz sicher noch lange nicht alles. Scheinbar hat jede Region da ihren eigenen Geheimtipp. Für Anregungen sind wir immer zu haben, einziges Kriterium ist, dass es eben aussieht, als hätte es jemand schon mindestens einmal gegessen. Die Zähne sollte man also im Glas lassen können.

Und Fotos gibt es trotzdem, ob ihr wollt oder nicht.
(Für diverse andere Lebensmitteltests empfehle ich übrigens Versuche von Miss James. Zudem danke ich Herrn G. für die Versuchsbegleitung und Überwachung.)